Kitsch!

Kunst und Kitsch und Unterhaltung.

gekürzt aus: Michael Jackson – Das Phänomen

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Tous les genres sont bons, sauf l’ennuyeux. Voltaire

Kunst bringt das Leben in Unordnung. Karl Kraus

Was soll ein Werk, das keine Zumutung ist? Fischer-Dieskau

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Kann aber Kunst sein, was ein Produkt der Unterhaltungs- industrie ist? Devilish, jetzt Tokio HotelEs gibt einen modischen Snobismus, der sagt, einen Unterschied zwischen U und E gebe es gar nicht, sondern nur den zwischen guter und schlechter Musik. Musik, die nicht unterhält, sei nicht ernst, sondern langweilig, und also schlecht, meinte Rolf Liebermann.

Die Herkunft eines Stücks, ob von „oben“ oder von „unten“, ist jedenfalls keine ästhetische Qualität. Auch nicht, ob es in einer Kunstfabrik entstanden ist oder in einer zugigen Dachkammer. Was es taugt, muß das Stück selbst erweisen. Aber darum sind U und E noch nicht dasselbe. Sicher wird auch das „ernste“ Stück, wenn es gelungen ist, unterhalten, und auch der ernste Künstler muß sich ernähren; und das heißt: verkaufen. Aber es macht einen Unterschied, ob regelmäßig der Unterhaltungswert eines Stücks, nämlich seine Verkäuflichkeit, zum eigentlichen Zweck der Produktion gemacht und der Gestaltungswille des Künstlers nur der Novität halber in Kauf genommen wird, oder ob der Künstler erst sein Werk schafft und dann zusieht, wie er es an den Mann bringt (und es vielleicht dabei verdirbt). Natürlich gibt es da kein Entweder Oder, sondern Grauzonen und gleitende Übergänge. Dem Werk sieht man seine Entstehungsweise nicht immer an. Aber es versteht sich auch, daß es unter manchen Bedingungen weniger wahrscheinlich ist, daß Kunst zustande kommt, als unter  anderen.

Der Massencharakter der Unterhaltungsproduktion ist hingegen kein Argument gegen ihren künstlerischen Wert. Man hat ermittelt, daß zwischen 1750 und 1830 so an die 100 000 – einhunderttausend ! – Sinfonien komponiert wurden. Davon haben sich auch nur rund achtzig bis heute erhalten – das sind 0,8 Promille, und Dieter Klöcker, Leiter des Consortium Classicum zu Köln und Fachmann im Ausgraben vergessener Partituren, sekundiert: „Neunzig Prozent ist Mist“ und zurecht vergessen. Niedriger wird die Trefferquote im U-Bereich auch nicht liegen. Der Eindruck, es sei alles Abfall, kommt nur daher, daß es so furchtbar viel ist – und so laut. Aber andererseits ist die Branche heute so riesig, daß eigentlich jedes Talent eine Chance hat. Das ist ein Argument, das man kulturgeschichtlich gar nicht schwer genug gewichten kann.

Die Schlagwörter Massenkultur und Unterhaltungsindustrie haben, so abwertend sie gemeint sind, mit den ästhetischen Qualitäten der Sache nichts zu tun. Man kann auch bei geringer Abkunft ein ehrlicher Mann sein. Schwerer wiegt der Einwand, es sei Kitsch; der zielt direkt aufs Ästhetische. Denn was Kitsch ist, kann ja wohl keine Kunst sein…

Freilich, was Kitsch sei, hat man fast so oft und so vergeblich zu definieren versucht, wie – die Kunst selbst. Immer versucht man es mit der Aufzählung kennzeichnender Merkmale. Das Sentimentale steht an erster Stelle, aber es nützt nichts: Ein Werk, das nicht das Gemüt des Betrachters – oder Hörers – mächtig bewegt, ein Werk, an dem es nur etwas zu begreifen gibt, ist gewiß kein Kunstwerk; sondern allenfalls Illustration zu einer theoretischen Abhandlung. (Das macht ja die ästhetische Erlebnisweise aus: daß das, was da „angeschaut“ wird, ipso facto schon gewertet ist; vor jedem Urteil.) – Die Spezifizierung, es bewege eventuell „zu sehr“, oder „nicht die richtige Saite“ des Gemüts, ist eine verlegne Ausflucht. Und schon gar nicht sticht das Argument, die Gefühle, die da erregt werden, seien „unecht“: Auch Kunst ist nicht echt, sondern künstlich. Echte Gefühle gibts im Leben. Aber eben nicht alle Gefühle in jedem Leben, sonst wäre Kunst wirklich überflüssig (nämlich Kitsch).

Die typische Überladenheit wird angeführt als stilistisches Kitschmerkmal, zuviele Details an einer zu dürftigen Sache. Aber kommt uns nicht die Kunst des Barock allenthalben überladen vor? Das fand man schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, und daraus entstanden das elegante Rokoko und der strenge Klassizismus. Ist also Barock Kitsch? Eine banausische Frage. Und doch…!

Nichts versichert ein Kunstprodukt dagegen, als Kitsch konsumiert zu werden. Das liegt aber weniger an den Merkmalen des Stücks, als in der Bereitschaft des Hörers. Was Kunst war, kann Kitsch werden, heißt es bei Adorno: Ihre „apriorische Affinität zum Kitsch“ verdankt die Kunst ihrer gemeinsamen Verpflichtung auf die Schönheit, und die ist heikel.

Kann jedes Kunstwerk Kitsch werden?
Sindings Frühlingsrauschen gewiß.
Schumanns Träumerei wohl leider auch.

Und was ist mit Tschaikowski oder Mahler? (Über Richard Wagner sind die Meinungen bekanntlich geteilt.) Anscheinend läßt sich alles verkitschen.

Aufschlußreich ist aber der Fall von Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin. Wilhelm Müllers („Griechenmüllers“) Textvorlage war als Kitsch gemeint, und um Mißverständnissen vorzubeugen, hat er es in einem parodistischen Vorspann auch ausgesprochen. Den hat Schubert freilich nicht mitvertont. Seine Musik ist ganz unironisch. Aber hatte er nicht recht? Durfte Griechenmüller denn hoffen, seinen Kitsch durch ein halbherziges Dementi zur Kunst zu adeln? Das wär ja einfach. Und doch ist es nicht leicht, die Schöne Müllerin zu verkitschen. Durch undelikaten Vortrag wird sie prompt zur Karikatur – und verfehlt allen Effekt.

Der Versuch, Kitsch durch Aufzählen seiner sachlichen Merkmale zu objektivieren, führt in eine Kreisbewegung, denn zum einen wird immer noch irgendwas fehlen, und zum andern t mberuht jede Einzelwertung auf Voraussetzungen, die selber noch nicht gesichert waren. Offenbar ist es ein Holzweg, den Kitsch am Gegenstand dingfest machen zu wollen. Zum Kitsch gehören zwei. Das Objekt hält nur still. Der Erlebende handelt. Er ist zuständig; will sagen, sein Zustand macht die Differenz. Der Satz „Das ist Kitsch“ ist keine Tatsachenaussage über das Vorhandensein von soundsoviel meß-, zähl- und benennbaren Eigenschaften, sondern ein Werturteil über das Ganze. Und zwar nicht das Ganze, wie es selbst („objektiv“) erscheint, sondern wie es erlebt wird. Kitsch ist keine Sache, sondern eine Erlebensweise. Darum ist er auch nicht an eine bestimmte Klasse von Gegenständen gebunden. Kitsch gibt es nicht nur im ästhetischen Bereich, sondern z. B. auch in der Politik, man denke an die zeitgenössische Alternativkultur (von betroffen bis ganz wichtig): Kitsch ist eine grundsätzliche Gestimmtheit, wo mir der, die, das Andere immer nur zum Anlaß wird, „mich-selbst-zu-erfahren“. Statt: Was ist da? immer nur: Wie komm ich mir vor? Nicht: Das rührt mich, sondern: Ich als ein Gerührter. Es ist ein Räkeln in der eigenen Befindlichkeit.

Da gibt es keinen Landstrich im Gemüt, der gegen kitschiges Sich-selbst-Erfahren gefeit wäre. Darum umfaßt der ganze Bereich des Kitschs auch den Bereich der ganzen Kunst. Sie schließen einander nicht anhand ihrer Gegenstände aus, sondern durch die Weise, wie sie genommen werden.

Ach, schließen sie einander aus? Es besteht ja anscheinend Einigkeit darin, Kitsch „irgendwie“ als verfehlte Kunst aufzufassen, so als seien sie enge, wenn auch ungleiche Verwandte, „irgendwie“ Geschwister. Immerhin, beiden geht es „irgendwie“ um das Schöne, was immer jeweils darunter verstanden wird. Es ist, als sei das Streben nach Schönheit „irgendwie“ zuerst, nämlich schon immer dagewesen – und der Kitsch als dessen Mißgeburt hinterhergekommen. Stimmt das? Hat es Kunst schon immer gegeben? Zur Hälfte ist es falsch. Die Menschen haben wohl schon immer Gegenstände verfertigt, die wir schönheitshalber für Kunstwerke halten. Ja, das Vorhandensein solcher Artefakte gilt manchem Paläontologen als Kriterium, ob es sich schon um menschliche Funde handelt oder noch um vormenschliche. Es wurde „schon immer“ gesungen, getanzt, gemalt und geschnitzt. Indes: Die alten Griechen verehrten zwar ihre Götter- und Heldenbilder. Aber sie verachteten den, der sie schuf, als einen banausos, einen, der’s für Geld macht und ein unehrenhaftes, des freien Mannes nicht würdiges Geschäft versah. In hoher Achtung stand dagegen einer, der seine Muße darauf verwandte, die Götter, die Helden und die Polis in Versen zu besingen. Nie wären die Griechen darauf gekommen, Dichtung und Bildhauerei für je verschiedene Abteile derselben höheren Einheit namens Kunst zu halten. Sie hätten nicht einmal ein passendes Wort dafür gehabt: Das griechische techné bezeichnet, wie übrigens das lateinische ars, jede Tätigkeit, die ein spezifisches Können verlangt. „Kunst kommt vom Können“, pflegte Max Liebermann zu sagen, und in Bautzen steht über der Spree ein mächtiges Bauwerk namens Alte Wasserkunst. Das ist kein Springbrunnen, sondern ein technisches Denkmal: ein Pumpwerk. Noch vor zweihundert Jahren mußte man ausdrücklich von „schönen“ Künsten reden, wollte man nicht mißverstanden werden.

Die Idee einer ganzen, umfassenden Kunst ist relativ jung. Sie ist eine Schöpfung der europäischen Renaissance und läßt sich sogar bis an ihre Wiege zurückverfolgen: Es ist die Florentinische Akademie, wo seit Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Philosophie Platos wiederentdeckt wurde. Als deren Herzstück galt die Eros-Lehre seines Gastmahls. Das Schöne ist danach das, ‚wonach Eros strebt, weil er es nicht hat’ – es ist die Erscheinung des Wahren, ist „Idee“. Allerdings liegt es unterm Schleier des Wirklichen verborgen. Es bedarf der Kraft des Eros, uns zu seiner Anschauung emporzureißen. ‚Kunst’ entsteht in der Renaissance, seit „das Schöne“ nicht mehr – aristokratisch – als ein anzuschauendes Sein, sondern – bürgerlich – als ein machbares Soll aufgefaßt wird. Kunst steht an der Wiege der Bürgerlichkeit und war ursprünglich „praktisch“: Sie galt als Königsweg zur Wahrheit. Denn anders als die theoretischen Wissenschaften – denen sie erst den Weg ebnete – erfaßt sie den ‚ganzen Menschen’. Die vollendete Gestalt wird, als Bild der Idee, zum Leitstern der Kunst. Malerei und Skulptur werden zu ihrem Inbegriff, und Harmonie wird zum Synonym des Schönen. Eine chaotische Natur nach den Gesetzen der Harmonie formieren – das war der Sinn des Fortschritts und galt als Zweck der Geschichte. Der bis dahin anonyme Künstler wird namhaft, denn er ist nun ein Vorkämpfer, ein Held. Als Architekt greift er unmittelbar ins Leben ein. Plan, Entwurf, Konstruktion – die schönen Künste, die früher nur verziert und gepriesen hatten, wurden produktiv. Nie standen sie der Arbeit so nah wie in der Renaissance. Man erkennt es noch heute am Gesicht norditalienischer Städte. (Seither datiert übrigens auch die Vorherrschaft des konstruktiven Prinzips in der europäischen, „weißen“ Musik.)

Aus dem Geist der Konstruktion entstanden die Wissenschaften und aus ihr die Industrie. Deren Triumphe rechtfertigten sich selbst. Auf die Idee, auf das Schöne und das Wahre kann die praktische Welt des Bürgertums seither verzichten. Der Welt ihre Geheimnisse abjagen und sie verfügbar machen – das war ihr Programm genug. „Das Wahre ist das Wirkliche“, lautet das Bekenntnis des Positivismus: Was ist, trägt nun seine Bedeutung in sich selbst, denn ihr gemeinsamer tragender Grund ist – die Arbeit.

Das war der Punkt, wo die Kunst in einen rebellischen Gegensatz zur Wirklichkeit trat. Sie wurde „rein“ und zweckfrei. Es ist die Stunde der Romantik. Das Bizarre wird interessanter als eta. hoffmann, von horst janssendas Harmonische. Das Schöne nimmt einen subversiven Charakter an: das radikal Andere, das unter Umständen sogar häßlich sein darf – wenn es nur der Wirklichkeit spottet. Der Grundcharakter der romantischen Kunst ist ausdrücklich: Ironie. Sie macht die Unwahrheit, die logische Indifferenz des Wirklichen sichtbar. Ein besseres Verhältnis zur Wahrheit hat sie nicht. Seither wird auch, anstelle der Malerei, immer mehr die Musik zum Inbegriff der Künste – als die am wenigsten „positive“ unter ihnen.

Denn das Wahre ist kein Etwas, das „ist“; sondern das, was schlechthin gelten soll. Es bezieht sich gar nicht auf die Dinge, sondern auf das, was ich tue. Es ist keine theoretische Kategorie, sondern eine ethische. Und eine ästhetische: „Die Gesetze der Moral sind auch die der Kunst“, schrieb Robert Schumann.

Die Romantik war – wie die Transzendentalphilosophie Kants und Fichtes, die ihr den Anstoß gab – das deutsche Echo auf die französische Revolution. In ihr bäumte sich alles, was in der bürgerlichen Gesellschaft noch wild und unberechnet war, auf gegen das Überwuchern von Geschäftssinn und Krämergeist. Doch der Antrieb der bürgerlichen Gesellschaft ist die Kapitalverwertung, nicht Ethik und Ästhetik. Die positive Denkungsart von Kaufen und Verkaufen obsiegte, das Romantische wurde zum Irrationalen und Rückwärtsgewandten umgefälscht: Aus Romantik wird Biedermeier.

Die Bourgeoisie ist in der langen Kette der herrschenden Klassen die erste, die selber werktätig ist. Sie hat nicht die Muße, Kunst als Liebhaberei zu treiben. Sie begegnet ihr immer nur als Kunde, als Käufer, als Konsument. Und zwar wo? Auf dem Markt. Denn es entsteht eine Massennachfrage nach Kunst. Und wie auf jedem Markt, regiert das Spiel von Angebot und Nachfrage. Aber die Nachfrage des Bourgeois ist eine andere als die des Aristokraten. An die Kunst stellt er andere Erwartungen. Nach seinem entbehrungsreichen Werktag, wo es nicht immer fein zugeht, braucht er Erhebung und Erbauung. Er hat ein „Bedürfnis“. War die Kunst zuvor hauptsächlich schmückend und repräsentativ, wird sie jetzt „sinnvoll“. Sie soll etwas leisten im Leben ihrer Zeitgenossen. Früher war sie öffentlich. Nun wird sie privat. Und es beginnt die Scheidung von U und E.

Nicht daß es nicht „schon immer“ Musik und hübsche Bilder fürs einfache Volk gegeben hätte. Auch daß sie erwerbshalber verfertigt werden, ist nicht neu. Aber diese Art von Kunst oder künstlerischem Gewerbe war überliefert vom einen auf den andern, persönlich, ohne Akademien und Konservatorien. Das Volk trat erst noch in kleinen lokalen Gruppen in Erscheinung, mit ihren eigenen, individuellen Traditionen. Viel Auswahl gab es nicht, und nur wenig Spielraum für den Privatgeschmack. Es ist ein direkter Tausch zwischen Personen für den unmittelbaren Gebrauch, die Werke sind „funktionell“, sie dienen, denn sie verzieren das praktische Leben. Allerdings nur bei besondern Anlässen, zu eigens dafür freigehaltenen Zeiten. Diese Volkskunst ist, wie ursprünglich auch die der gehobenen Stände, im wesentlichen festlich. Das heißt gesellig, nicht privat. Auch sie schmückt und repräsentiert, sie dient: nämlich der Unterhaltung der Menschen und ihres Zusammenlebens. Nähe zur Wahrheit beansprucht sie nicht.

Die Entfaltung der Geldwirtschaft bringt einen radikalen Wandel. Die Bedürfnisse artikulieren sich nicht mehr einzeln, sondern en masse, je nach Angebot und Nachfrage. Vor dem Geld sind alle gleich. Die Künstler werden Warenproduzenten. Der Markt macht die Kunst wirklich frei. Jeder kann sein Glück versuchen, der Geschmack geht auf Entdeckungsfahrt. Erst durch den Markt wird das Volk zur Masse. Kleinvieh macht auch Mist, und viele kleine Käufer bewegen große Summen. Freilich muß nun das Produkt en gros lieferbar sein. So teilt sich der Markt bald in zwei Etagen. Da sind erstens die vielen, die wenig zahlen. Das sind die mit den gewöhnlichen Ansprüchen. Und zweitens gibt es einige wenige, die viel zahlen: Das sind die mit dem besonderen Geschmack. Den einen genügt eine Kunst, die ihnen das Dasein erheitert. Die andern suchen eine, die ihr Leben vertieft (oder erhöht, je nachdem). Ist das der große Unterschied: hier Original, da Massenware; hier Avantgarde, da Kitsch? So einfach ist das nicht. Wie „anspruchsvoll“ der Massengeschmack ist, erweist sich am ästhetischen Wert der Werke, die er wählt, nicht andersrum. Und fällt nicht auch der vornehme Geschmack immer wieder auf modischen Tineff rein? Avantgarde und Kitsch sind keine Alternativen.

Die Bildung eines Kunstmarkts verschob den Akzent vom schöpferischen auf den nachschöpferischen Akt. Mozart komponierte noch hauptsächlich für seine eigenen Akademien, Beethoven schon mehr für seinen Verlag. Das Erfordernis der Reproduktion und ihre technischen Möglichkeiten verändern die Kunst selbst. In der Vervielfältigung verblaßt das Wie; das Was – das „Werk“, der „Gehalt“ – verselbständigt sich, die dialektische Kannegießerei um ‚Form’ und ‚Inhalt’ kann ihren Lauf nehmen… Doch vor allem: Auf dem (massenhaften) Markt fallen Produktion und Verbrauch, Schöpfung und d Rezeption auseinander, werden sich fremd und geheimnisvoll. Künstler und Kunde treffen sich nicht. Der eine wird anonym, der andere mythisch. Der moderne Künstler erhält den Nimbus des Antibourgeois, er ist nicht mehr Vorkämpfer, sondern Satiriker des bürgerlichen Lebens. Ein Held auch er, aber ein tragischer.

Daher stammt das Vorurteil, Kunst dürfe mit Geschäft nichts zu tun haben: Das Publikum wird zum Philister, die Kunst zur Avantgarde. Dazwischen tritt, wie ein unergründliches Schicksal, die Vervielfältigungsindustrie. Das Kapital will sich verwerten, aber der Künstler muß pünktlich seine Miete zahlen. Das Kapital kann warten, der Künstler nicht, und er wäre hoffnungslos unterlegen, fände er nicht seinen Verbündeten im… Massenpublikum der Philister, das den Markt in Fluß und die Chancen offen hält.

Das von der Romantik zeitweilig entwertete Schöne kommt jetzt wieder zu Ehren: als Gegenstand der Erbauung. Es wird Mittel zum Zweck. Die Gebildeten wenden sich angewidert ab. Denn „käme es vom Wollen, dann hieße es Wulst“, fügte Max Liebermann spitz hinzu. Spätestens seit Baudelaire ist Schönheit in der „wahren“ Kunst verpönt. Sie ist seither geradewegs zum Kennzeichen von Kitsch geworden, wie das Erhabene, das Rührende und die Liebe auch (nur den Sex scheinen sie noch zu teilen).

Allerdings wird die wahre Kunst nun ihrerseits als Unterhaltung konsumierbar. (Man bedenke die revolutionierende Wirkung des häuslichen Klaviers in der europäischen Musik). Den Anspruch auf Wahrheit muß sie dabei gar nicht aufgeben. Durch die Vermittlung des Datenträgers hält sie aber, ungesellig, im stillen Kämmerlein Eingang und kommt ganz, ganz nah. Jeder der mag darf sich zum Wahren-Schönen-Guten in ein Intimverhältnis setzen. Er kann sie in-sich-selbst-erfahren. Der Kitsch ist geboren.

Aber nicht die Vervielfältigungstechnik hat den Kitsch hervorgebracht. Das Bedürfnis kam auf, und die Technik folgte. Es ist der historische Moment: Das Umkippen der bürgerlichen Entwicklung von ihrem aufsteigenden auf ihren absteigenden Ast – wo es ihr „schon nicht mehr um das Gewinnen, sondern nur noch um den Gewinn geht“, wie Karl Marx es ausdrückte. Ernüchterung machte sich breit. Nach dem Siegesmarsch der positiven Wissenschaften im 19. Jahrhundert schien es nur noch eine Frage der Zeit, wann alle Geheimnisse entdeckt und der Aufbau der Welt durchleuchtet wäre. – Und dann? Ja, der Kampf ums Dasein wäre gewonnen. Aber mehr auch nicht. Denn je besser es gelingt, uns die Dinge (technisch und logisch) tauglich zu machen, je mehr wir ihren Eigensinn brechen, um so mehr offenbaren sie uns, daß sie einen… eigenen Sinn gar nicht haben; offenbart sich, wie gleichgültig die Welt eigentlich gegen uns ist. Dem Philister solls recht sein, was andres hatte er nie vermutet. Er ist sich selbst genug. Doch gottlob, nicht alle sind Philister. Den andern dämmert es, daß sie mit der „Sinnfrage“ jetzt nur noch bei sich selbst anfangen können. Mit wachsender Beherrschung der Welt erweist sich, daß das eigentliche Rätsel die Menschen sind.

„Ja, da muß er tief in sich hineinhorchen, da wird er seiner wohl inne“ – das ist das Sich-selbst-Erfahren, das ist der Philister mit den gehobenen Ansprüchen. Das ist der Kitschmensch. Das Rätsel ist aber nicht der Mensch selbst, sondern der Mensch, wenn er in der Welt ist; nicht wenn er wissen will, was er ist, sondern weil er wissen muß, was er soll. (Es ist das Paradox seiner Freiheit.)

So tritt gleichzeitig mit dem Bedürfnis nach Kitsch auch ein verstärktes Bedürfnis nach Kunst auf. Sie sind gleich genuin, entstammen derselben Wurzel; nämlich dem schon an sich selbst verzweifelnden bürgerlichen Bewußtsein. Diese bringt die Bedeutungslosigkeit der Welt zum Ausdruck, jener tröstet darüber hinweg. Sie sind Vater und Mutter der modernen Kulturindustrie.

Als Avantgarde entwickelt sich die moderne Kunst seit der Romantik zu einer besonderen gesellschaftlichen Institution, die für ihre Aussagen allgemeine Auferksamkeit beansprucht. Sie findet an öffentlichen Orten statt: Salon, Konzertsaal, Museum. Doch das, was gedruckt war, konnte man schon mit nach Hause nehmen. Romane und Klavierauszüge – Kitsch ist intim.

Es sei schwer, über Kunst etwas zu sagen, das gescheiter ist, als nichts zu sagen, fand Ludwig Wittgenstein. Das kommt daher, daß man in Bildern reden muß statt in Begriffen, und da wird dann oft wörtlich genommen, was nur „sozusagen“ gemeint war. Dies vorausgeschickt, sage ich: Sache der Kunst ist nicht, des Rätsels Lösung zu betreiben. Sie ist nicht Arbeit und Max Ernst, Jeune homme aux bras croisésist nicht Wissenschaft mit andern Mitteln. „Alle Kunstwerke, und Kunst insgesamt, sind Rätsel“, heißt es bei Theodor W. Adorno. „Kunst wird zum Rätsel, weil sie erscheint, als hätte sie gelöst, was am Dasein Rätsel ist; während am bloß Seienden das Rätsel vergessen wird durch seine eigene, überwältigende Verhärtung. Doch ob die Verheißung Täuschung ist, das ist das Rätsel.“ Die Kunst läßt das Rätsel lediglich erscheinen; denn auch, daß ihre anschaulichen Lösungen Schein sind, muß noch erscheinen, wenn es Kunst sein will. Das ist die ganze Wahrheit, die sie „hat“. Das ist das, was nach Jahrhunderten vom Schönen übriggeblieben ist. Insofern ist die moderne Kunst in ihrem Wesen ironisch. Ihr Ursprung war die Romantik. Sie heilt nicht, sondern sie „trennt und entzweit“ den Menschen, nach Schiller. Ja, sie bringt das Leben in Unordnung. Sie macht das vertraut ganz-nahe-Liegende fremd und störend und holt das jenseitig-Abwegige ganz dicht heran. Das ist die „Aura“ der Kunst, eine Nähe, die eine Ferne, und eine Ferne, die eine Nähe ist. Kunst ist, wie Kitsch, eine Erlebnisqualität, und keine sachliche Eigenschaft.

Daher gilt seit der Romantik die Musik als die „eigentlichste“ Kunst. Sie hat die Besonderheit, daß sie Zustände des Gemüts unmittelbar darstellt. Das soll nicht heißen, daß sie „Gefühle ausdrückt“, sondern nur, daß sie weder von Vorkommnissen erzählt noch Vorstellungen abbildet. Sie übersetzt eine innere Verfassung in hörbare Klänge. Im Fall des Gelingens wird der Hörer die im Klang objektivierte innere Bewegung des andern als mögliche eigene wiedererkennen und „nacherleben“. Aber weil sie objektiviert ist, kann er sich ebensowohl von ihr absetzen. Das Rätselhafte, der Kunstcharakter der Musik ist eben: daß es offen bleibt, ob das eine oder das andere. Es ist ein Spiel, eine Schwebe zwischen den Möglichkeiten. Wird es entschieden, zu gut entschieden, dann kommt es zu den alternativen Extremen: hier der Kitsch, da das kühle Interesse an der gelungenen Konstruktion – so als ob man eine Abhandlung liest. Doch auch am schönsten Stück kann man sich schließlich satthören, und dann folgt Überdruß. Das Künstlerische ist immer, wenn das Werk mich über meinem Zustand hinwegreißt, ohne mich doch bei sich aufzunehmen. Kunst ist es, wenn es die Menschen außer sich bringt und – sie dort eine Weile schweben läßt.

Unterhaltung ist offenbar nicht dasselbe. Sie soll nicht stören, sondern gefallen. Doch den Menschen gefallen die verschiedensten Sachen. Man kann an sehr, sehr ernster Musik Gefallen finden und auch an Furcht und Schrecken. Alles kann unterhalten, Kunst und Kitsch und Katastrophen. Wenn Musik was taugt und nicht langweilig ist, dann unterhält sie auch. Der Unterhaltungswert des Stücks ist selber eine Qualitätsfrage. Aber ob etwas „reine“ Unterhaltung wird, liegt in der Erlebnisbereitschaft des Hörers. Man kann auch am Küchenherd stehen, während im Radio Beethoven läuft. Und bei Mozart sollen Milchkühe besonders ergiebig sein. Kein Zweifel: Alles, was durch unsere Sinne in uns „eindringt“, wirkt – so oder so – auch aufs zentrale Nervensystem. Das ist freilich eine elementare Stufe von ‚Gemüt’. Da gibt es Beschwingen, Anregen, Aufregen – bis an die Schmerzgrenze; und Entspannen, Berieseln, Besänftigen – bis zum Einlullen. Aber nur, wenn man es sich gefallen läßt. Wenn es zu keinem Widerspiel, zu keiner Schwebe kommt. Und dazu kommt es nicht, wenn das Material von der Konstruktion oder vom Ausdruck her, harmonisch oder rhythmisch, zu wenig Anstoß erregt: Zu Kitsch wird Kunst, wenn die Distanz verlorengeht.

Formalismus, Kitsch und Unterhaltung – das waren die großen Versuchungen der „weißen“ Musik in den letzten hundert Jahren. Die Chance, sich an den konstruktiven Kopfnüssen der Harmonik festzuarbeiten, wurde früh genutzt. Schon an J. S. Bach rügten die Zeitgenossen die „zu große Kunst“, d. h. Künstlichkeit – nämlich mangelnden Ausdruck und Melodie. Bei Arnold Schönberg und seiner Schule traten dann logische Motive vollends an die Stelle der ästhetischen. Neue Musik ist elitär. Sie reizt mehr den Verstand, als daß sie das Gemüt berührt. Solche Kunsterlebnisse sind Leistung, sie ähneln einem Denksport. „Doch käme sie von Wollen…!“ Zeitgenössischen Komponisten, die ein Publikum fanden (Blacher, Henze, von Einem), wurde von der Kritik die Zugehörigkeit zur Avantgarde bestritten. Das meistgespielte E-Stück des 20. Jahrhunderts sind die Carmina Burana des Polyrhythmikers Carl Orff – Michael Jackson eröffnete alle Konzerte der Dangerous-Tour damit. Populär ist es? Dann taugt es nichts.

Das gilt nicht nur für die Musik, sondern für die moderne Kunst überhaupt. Die Avantgarde wird esoterisch, öffentliche Geltung beansprucht sie nur noch pro forma, in ihren vier Wänden. Oft ist die preziös. Und wo sie doch an die Öffentlichkeit dringt (Beuys, Junge Wilde, Baselitz), da verdankt sie es ihren Anleihen beim Showbiz. Sie behauptet sich spekulativ – als Kapitalanlage.

Keine Nation wurde tiefer von der Romantik geprägt, als die Deutschen.Schinkel, Altes Museum Berlin Nirgends sonst schreibt man Kunst mit so einem großen K. Nirgends hat auch die Moderne ihre Esoterik weitergetrieben als bei uns. Um so höher trägt sie hier die Nase. „Ist das denn überhaupt noch Kunst?“ – eine urdeutsche Frage. Was Wunder. Vom Volk hat dieses ernste Fach sich isoliert, wie sollte es die Unterhaltungsindustrie nicht hassen?

Daß es eine natürliche Nähe von Kitsch und Unterhaltung gibt, ist nicht zu leugnen. Nämlich zwischen Kitsch und Industrie. Aber nicht die Massenproduktion neigt zum Kitsch, sondern er zu ihr. Die Kunst kann erwarten, daß sich der Liebhaber zu ihr hinbemüht. Aber der Kitsch kommt direkt ins Haus – durch die Medien. Es wurde gesagt, die Verkitschung begänne schon bei der technischen Vervielfältigung des Werks, weil sie die Begegnung mit der Kunst privatisiert und banalisiert. Doch wenn es Kunst ist, hat das Werk mehr zu bieten als nur seine Einzigkeit, und verkraftet die Reproduktion. Der Kitsch jedoch gelangt durch die industrielle Fertigung zu höheren Weihen: Er ist dann intim und öffentlich zugleich.

Seinen Aufstieg zur Großindustrie verdankt das Unterhaltungsgewerbe zwei Siegen der modernen Technik: dem Phonographen und den Laufenden Bildern. Musik gibt es auch ohne

Schallplatte. Aber der Kinofilm ist ein Genre, das von vorneherein für und durch die Reproduktion besteht. Was heißt da schon „original“? Darum hat es auch ein halbes Jahrhundert gedauert, ehe sich das Kino bei den Gebildeten als eine Kunst durchsetzen konnte. Es brauchte auch seine Zeit, um das ihm gemäße „Format“ zu finden: den Star. Der ist das Original.. Der hat Aura. Es ist seine Aura, die dem Star erlaubt, seine Ausdrucksmittel zu stilisieren – und zu ökonomisieren. Den ersten Weltstar mußte daher das Kino kreieren, und der machte es zur Kunst: Charlie Chaplin. Die schmächtige Figur mit der Melone, den Schuhkähnen und dem Stöckchen kannte jedes Kind.

Nicht, daß er die Gebildeten direkt für sich gewinnen konnte. Es war im Gegenteilverrückt  eine ziemlich krumme Tour. Denn nicht die Bourgeois waren verrückt nach Charlie, sondern eben – ihre Kinder. Die drängten und quengelten, also mußte die Mama mitgehen. Und so fand denn das Kino über Kinderzimmer, Damenkränzchen und Kaffeetafeln seinen Zugang zu den Salons der besseren Gesellschaft.

Der Tonfilm verschmolz Kino und Schallplatte zu einem einzigen, weltweiten Industriezweig. „Hollywood“ wurde zum Gattungsnamen. Seit den fünfziger Jahren hat das Fernsehen die Rolle des Kinos nach und nach übernommen – und bringt die Banalisierung und Privatisierung der Unterhaltungskunst zur Vollendung. (Andererseits erschließen Fernsehübertragungen aus Konzertsälen die klassische Musik einem neuen Publikum.) Mit der magnetischen Bildaufzeichnung erreicht die technische Reproduzierbarkeit der Showkunst einen neuen, aber bestimmt nicht letzten Höhepunkt. Verlangte weiland der Spielfilm nach musikalischer Begleitung, so schreit heute die Musik nach bewegten Bildern, der Videoclip wird erfunden. MTV ist weltweit das meistgesehene Fernsehprogramm! Öffentlicher geht’s kaum noch. Intimer auch nicht.

Ob Massenkunst anspruchslos ist, hängt davon ab, welche Ansprüche die Massen stellen. Ja, und das – kommt drauf an! Geschmack läßt sich bilden und verbilden, je nachdem, was geboten wird; individuell und kollektiv. Wie anspruchsvoll aber die gebotenen Werke sind, hat wiederum nichts mit ihrem Kitsch- oder Kunstcharakter zu tun. Man erkennt es an der nur scheinbar geistreichen Frage, ob es eigentlich Kitsch für Kinder gebe. Denen ist das meiste neu und noch wenig banal. Es braucht nicht viel, um sie „aus dem Häuschen zu bringen“. Doch Kindertümelei sperrt sie ins Häuschen ein und verführt sie zu Selbstgefallen: biene-maya-210Biene Maja ist Kitsch – von der Unendlichen Geschichte ganz zu schweigen. Die Ansprüche, die ein Kitschmensch an seine Ware stellt, sind naturgemäß je nach Bildungsgrad verschieden. Ein formal aufwendiges Produkt ist weniger geeignet, von unerfahrenen Kunden auf kitschige Weise verzehrt zu werden, als ein einfaches. Für den gebildeten Verbraucher ist das umgekehrt. Der Snob gefällt sich umständlich. Es gibt Kitsch für Feinschmecker.

Ganz „reine“ Unterhaltung ist übrigens eher selten – etwa wenn man zwischen zwei geschäftigen Momenten die leere Zeit anfällt. Aber schon, wenn ich mich „auf andere Gedanken bringen“ lasse, ist es etwas mehr. Das allgemeine Unterhaltungsbedürfnis in der Neuzeit ist sogar ein Anzeichen wachsender geistiger Regsamkeit. Namentlich das Komische, das in der Massenkultur so eine große Rolle spielt, ist immer auch Kunst: Ernst ist das Leben, Komik bringt es in Unordnung.

Seit der Rock’n’Roll-Revolution der Fünfziger ist Massenkultur wesentlich Jugendkultur; und Unterhaltungsmusik wesentlich Tanzmusik. Der Tanz ist öffentlich, gesellig, und auch er ist immer etwas mehr als „bloße“ Unterhaltung. Er ist, ebenso wie die Musik, unmittelbare Darstellung eines bewegten inneren Zustands. Man kann sagen, Musik und Tanz „verlangen nacheinander“. Der Tänzer wird früher oder später summen, klappern, klopfen oder mit den Fingern schnippen, und jede Musik (außer der langweiligen) „bewegt“ auch k”rperlich. Wenn schon nicht als Musik, dann objektiviert sie immerhin als Tanz einen inneren Zustand. Aber natürlich nicht jede Musik im selben Maße.

Der Rhythm and Blues verdankt seinen Aufstieg zum „universellen Esperanto“ (Quincy Jones) unter den musikalischen Idiomen seiner Fähigkeit zu komplexer Gestaltung und zu reichemMJ, Dangerous tour Ausdruck, und das heißt auch: zu vielfältiger Wandlung. Sein vorerst letzter großer Schrei war die Musik von Michael Jackson. R&B ist die Mutter aller U-Musik, die MTV um den Erdball schickt; wenn es auch bei Heavy Metal und Techno nicht mehr zu hören ist…

Die zeitgenössische Rockmusik hält sich freilich für etwas Besonderes. Das kam so: Die wilden 60er Jahre öffneten den Massen den Zugang zu den höheren Bildungseinrichtungen. Seither stellen Gebildete einen beträchtlichen Anteil der Discogänger. Seither datiert aber auch die Ideologisierung der Rock-Szene. Mit Unterhaltung will sie schon gar nichts zu tun haben: „Rock ist Ausdruck eines rebellischen Lebensgefühls.“ Und gleich fallen Schlagworte wie „Jugendkultur“, „autonome Sozialisationsform“ usw. Die Frage gar, ob es Kunst ist, sei „völlig inadäquat“: lauter „Definitionen, die an ein originäres Phänomen von außen herangetragen“ würden, sie „können der Sache gar nicht gerecht werden“. Rock könne man „nur aus sich selbst heraus verstehen“! Unvergleichlich – und gegen alle Kritik immun.

Mag sich die Rock-Szene über „Unterhaltung“ erhaben fühlen – Industrie ist sie doch. Die Masse der Rock-Musik ist im Aufbau simpel und im Ausdruck überdeutlich. Nicht darin unterscheidet sie sich also von der Masse der übrigen Popmusik, sondern allein in ihrer message: „Wir sind OK, nur die Andern haben die Welt falsch eingerichtet“ – eine sentimentale Kultur des Selbstgefallens. Leider ist sie längst nicht mehr auf das Jugendalter beschränkt. Während der Voodoo Lounge-Tournee der Rolling Stones bildeten das Gros des Publikums ergraute 68er, die nicht altern wollen. Eighteen ’til I die heißt ein Album von Bryan Adams. (Rock ist die einzige Popmusik, die auch unter Pädagogen geduldet ist. Wie erklär ich mir das?)

Doch hat die Rock-Industrie wirklich Darstellungsformen entwickelt, die über eine zweifelhafte „Jugendkultur“ hinausweisen. Kulturhistoriker hielten lange Zeit die Unfähigkeit der individualistischen Massengesellschaft, große Feste zu feiern, für den sicheren Beweis ihrer Verarmung. Rock-Konzerte mit ihrem vielzehntausendköpfigen Publikum sagen etwas anderes. Für den herrschenden Geschmack spielen sie im zwanzigsten Jahrhundert dieselbe Rolle, wie im neunzehnten die Oper – die auch eine populäre und unterhaltende Kunst war. Mehr noch.

Anders als die kulinarischen Kunstverbraucher früherer Zeit, spielt das Publikum in diesen modernen Volksfesten einen aktiven Part, und es sieht so aus, als würde mit den Performing arts jener „ästhetische Zuhörer“ neugeboren, den sich Friedrich Nietzsche von den Wagner-Opern vergeblich erhofft hatte. Davon profitiert nicht zuletzt auch die klassische Musik. Nie waren Open-Air-Classic und Drei Tenöre so populär wie heute. Mit Bayreuth teilen sie mindestens den Ereignis- und den Festspielcharakter – und übrigens auch mit Christos verhülltem Reichstag. Sie alle sind Leistungen der Unterhaltungsindustrie. Freilich geht auch die Berliner Love Parade auf ihr Konto. Doch was wiegt schwerer: daß mit den elektronischen Medien mehr Kitschmenschen auf ihre Kosten kommen können als ohne – oder daß durch die Unterhaltungsindustrie Kunst jeder Art im Leben der Menschen einen Raum einnimmt, wie er in anderen Kulturepochen undenkbar war? Daß so Viele in Selbstgefallen gewiegt, oder daß so viele Andere „aus sich heraus“ gelockt werden?


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