Der Jacko-Effekt

…oder Wie ich Michael Jackson begegnete

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Der nachstehende Text stammt aus dem Jahr 1994. Der Größte Skandal Aller Zeiten hatte mir die Spucke verschlagen. Wochenlang beherrschte er – und sonst nichts – die Titelseiten der auflagestärksten Blätter der Welt.

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War er ein Machthaber? Einer, dessen Ratschluss die Geschicke der Nationen und der Menschheit lenkt?

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Er war ein Entertainer; sonst nichts.

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Wenn seine persönlichen Angelegenheiten die Welt dermaßen erschüttern konnten, dann musste wohl die Welt durch ihn eine andere geworden sein, zumindest in einer gewissen Hinsicht. In welcher Hinsicht? Ich hätte in Büchern nachlesen wollen, aber ein Buch, in dem gestanden hätte, was ich wissen wollte, gab es nicht. Da musste ich es selber schreiben.

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Na ja, zuerst habe ich nur einen Aufsatz verfasst, aber für den fand ich niemanden, der ihn drucken wollte. Nachträglich muss ich sagen: Der Form nach war er auch durchaus noch nicht gelungen. Aber der Sache nach muss ich heute, eine Woche nach Michael Jacksons Tod, nichts daran ändern.

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Der Jacko-Effekt

oder

Der Untergang des positiven Zeitalters

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Und wenn du hörst, wie das Rauschen in den Wipfeln der Bakabäume

einhergeht, so eile; denn dann ist der HErr ausgezogen vor

dir her, zu schlagen das Heer der Philister.

2. Sam. 524


Kinderkultur – so ein Wort kann es nur im Land der Dichter und Denker geben. In ihm atmet das Parfum des deutschen Studienrats, und aus seinem Dunst tritt die Silhouette eines staatlich anerkannten Sozialpädagogen, der die Hand aufhält.

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Amerika ist unbefangener. Dort gehört die Wichtigtuerei nicht so zum festen Kulturbestand wie bei uns. Deren Kultur war bürgerlich ab ovo. Sie hat sich nicht mühsam gegen einen überlegenen Erbadel durchsetzen müssen. Das macht in mancher Hinsicht ihre Schwäche aus. Aber nicht in jeder. Überheblichkeit und Bildungsdünkel sind eine europäische Kulturingredienz (darum gilt Neil Postman bei uns auch mehr als daheim). In ihnen bläht das Ressentiment des Zukurzgekommenen. Dem Snob sind alle Trauben sauer.

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Nirgends ist die Welt europäischer als zwischen Rhein und Oder, zwischen Baum und Borke. Und nirgends der Snob eitler. Hierzulande macht er auch nicht vor den Kindern Halt: Kinderkultur ist Freizeitpädagogik als cand. phil.

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Die naiven Amerikaner sagen Kiddie Kulture und meinen nicht etwas, das bitte sein möchte, sondern etwas, das ist; eine soziokulturelle Gegebenheit, bezeichnet durch E.T., Game boy, Kevin, PC und – Michael Jackson.

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Eine Realität mit dem Gewicht einer Kaufkraft, die jährlich viele Milliarden auf die Waagschale bringt. Das reicht dem Schulmeister, die gehobne Nase zu rümpfen: Wofür Kinder bereit sind, ihr Taschengeld auszulegen, das wird ja mit Kultur wohl nichts zu tun haben. Hätte je ein Kind für ihn einen Pfifferling gegeben?

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Na also.

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Kinderkultur soll authentisch sein. Von Kindern für Kinder. Was sie vom Schulmeister nicht geschenkt nehmen, das sollen sie sich bei Michael Jackson auch nicht kaufen.

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Gemeint ist immer nur: Kindheit ist ein apartes Homeland jenseit unsrer wahren Warenwelt. Darinnen muß alles echt sein, damit sie glauben können, sie seien von alleine dort. Die Pädagogen sind die Grenzsicherungstruppe. Und die brauchen, um sich besser zu dünken als die andern Leute, auch ein bissel schlechtes Gewissen: sie wollen sich auch schämen dürfen, daß sie schon erwachsen sind (und können dabei glauben, daß sies wären). Diesen doppelten Dienst sollen die Kinder ihnen leisten: indem sie spontan sind und direkt, ungekünstelt, ehrlich, reizend und frech, je wie’s der Erwachsenen Herz eben begehrt, und vor allem: allzeit begierig, fürs Leben zu lernen. Anders eben als der Erwachsene, der sich an ihrem Anblick immer mal läutern darf.

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So hat sich die weltweite Schulmeisterschaft, zuvörderst bei den Dichtern und Denkern, die Kindheit zurechtdefiniert. Und da kommt diese Kreatur der Unterhaltungsindustrie und korrumpiert das letzte Echte, das uns geblieben ist!

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Massenkultur

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Es ist eine der großen zivilisatorischen Leistung der modernen Gesellschaften, daß letzthin die Spiele zu einem gleich gewichtigen Wirtschaftsgut geworden sind wie das Brot. Und dies nicht mehr, wie ehedem, im vornehmen Kreis, sondern für die produktive Masse selbst. Die Unterhaltungselektronik ist im Begriff, der Automobilindustrie den wirtschaftlichen Rang abzulaufen; und dabei war das Streben nach Mobilität selbst schon mehr gewesen als bloß die ‚Befriedigung’ eines ‚Bedürfnisses’.

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Kultur war immer, als Akkumulations- und Investitionsfeld der herrschenden Klassen, Motor der Arbeitsteilung und also der gesellschaftlichen Produktivität. Früher war sie partikular und exklusiv, heut ist sie allgemein. Jeder kann sie kaufen. Denn jeder hat mehr, als zur Befriedigung seiner bloßen Notdurft unverzichtbar ist. Nicht in allen Ländern der Welt, aber in den industrialisierten.

Dort gehört der Luxus selber zu den elementaren Bedürfnissen und geht ein in die durchschnittlichen Produktionskosten des Arbeitsvermögens, den ‚Wert der Arbeitskraft’.

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Die Höhe einer Kultur ist zu messen am Verhältnis der „sonntäglichen“ Bedürfnisse, wie Karl Marx es nennt, zu den „werktäglichen“. Oder, wie Adolf Portmann sich ausdrücken würde, am Verhältnis zwischen ‚Erhaltungswert’ und ‚Darstellungswert’. Nie zuvor war Kunst im Leben der Menschen so gegenwärtig wie heut, und das verdankt sie den technischen Reproduktionsmitteln. (Über die Qualität gehen, wie immer, die Meinungen auseinander.)

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Wenn also in unseren Gesellschaften Kultur zu einem großen Industriezweig geworden ist, dann drückt das nicht die Kultur, sondern hebt es die Gesellschaft. Nur Snobs meinen, der kulturelle Wert eines Produktes sei umgekehrt proportional zur Menge derer, die es schätzen. Wer über den Starkult des Showbiz erhaben ist, dem sollte die lexikalische Verwandtschaft von Kult und Kultur zu denken geben. Diese stammt nämlich aus jenem.

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Aus dem Kult stammt die Kultur, weil er aus der flüchtigen Fülle der Natur das herausgreift, festhält, zusammenrafft, hervorhebt, übertreibt, er-liest, ‚kultiviert’, was vor allem andern gelten soll. Der Kult ist ein Bild des Erhabenen. Kultur ist Sammlung und Scheidung des Bedeutenden vom Geläufigen; des Außerordentlichen vom Allzuvertrauten; des Festlichen vom Geschäftigen; des Wertvollen vom bloß Nützlichen; des Heiligen vom Profanen. (Das Wahre, das Gute und das Schöne waren an ihrem Ursprung wirklich dasselbe.)

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Wert, Geltung, Bedeutung wachsen nicht auf den Bäumen. Sie sind gemacht. Kultur ist nicht echt, sondern ‚von Natur aus künstlich’. So sind die Berliner Philharmoniker, so ist die Mailänder Scala. So die Stars des Showgeschäfts. Was sie taugen, hängt nicht an der Erlesenheit oder Gewöhnlichkeit derer, die ihnen huldigen, sondern an den Geltungen, die sie repräsentieren. Und die sind nicht nur ästhetischer Art, auch in den Tempeln der Hochkultur nicht.

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Michael Megastar

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Michael Jackson ist Gegenstand eines Massenkults, der seine Vorgänger in den Schatten stellt; sowohl in der Breite als in der Tiefe, sowohl was die Zahl seiner Fans als den Grad ihrer Verzückung angeht. Und noch nie wurde daran so viel Geld verdient. Doch das Unerhörte ist: Bei der Gemeinde, die seinen Kult gestiftet hat, handelt es sich um – Abermillionen von Kindern in aller Welt. Kinder waren es, die den größten Star aller Zeiten kreiert haben. Das ist ein kulturgeschichtliches Ereignis, das an sich schon die Aufmerksamkeit aller Soziologen und Zivilisationskritiker verdient, aber – merkwürdig – nicht gefunden hat.

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Derselbe Umstand läßt auch schon ahnen, daß hier noch ganz andere als nur ästhetische Geltungen im Spiel sind. Doch dies Außerästhetische wird erst faßbar, wenn das Phänomen zuvor ästhetisch umschrieben ist.

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Daß er nicht nur Erwählte, sondern Viele unterhält, steht dem nicht im Weg.[1] Originalität ist ebensowenig ein ästhetischer Wert wie Exklusivität. Das glaubt nur der Snob. Der hat selber keine ästhetischen Maßstäbe (daher fürchtet er den Kitsch). Ihm muß alles neu sein, oder, ersatzweise, wenigstens echt, sonst kann er ‚nicht damit umgehen’. Mozart hätte – und hatte – bei ihm keine Chance.

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Auch an Michael Jacksons Musik wurde Originalität vermißt. Bringt ein Namenloser Pop, Rock, R&B, Soul und HipHop mit Elementen von Jazz und Reggae zusammen, so nennt man das fusion und findet es unheimlich spannend. Hat er  damit Erfolg, heißt es: Plastikmusik (Die Zeit 37/93).

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Die beste Stimme seit Elvis Presley. Nur geht das heisere Knaben-Timbre ohne Umweg über die Ohren direkt in die Bauchhöhle, und das ist nicht jedermanns Sache. Das war Elvis aber auch nicht; nichtmal die Callas.

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Und er kann wunderschön singen. Doch als wolle er seine Kinderkarriere ungeschehen machen, versteckt er es schamhaft in einem Höllenlärm. Oft keucht er nur noch.

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Dabei singt er sogar gut. Er trifft und hält die Töne wie er will, und wenn es das hohe C ist. Portamenti zum Beispiel, auf die Elvis nicht verzichten mochte und die noch die Wunderwaffe des kleinen Michael waren, hat er nicht nötig. Seine raren Vokalisen sind schamhaft. ‚Prüde wie eine alte Jungfer’, so Wagner über Brahms, ‚scheut er den Effekt’. Solche Sparsamkeit der Mittel ist in der Popkunst nicht eben die Regel.

Sparsamkeit auch beim musikalischen Material. Kleine Bruchstücke einer Melodie, alles übrige ein polyrhythmisches Geflecht, das ‚schwebt’ wie bei Strawinski und Brahms. Kein anderer Sänger hat so glorreich über den Metronom gesiegt.

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Es ist schwarze Musik. Der Rhythmus herrscht, denn Jackson tanzt. Das Ohr hört, was das Auge sieht, schrieb Robert Schumann. Noch der Krach von Jam klingt anders, sobald man das Video kennt; gesehen hat, wie er tanzt. Beschreiben läßt es sich nicht. Er redet nicht mit dem Körper, er singt. ‚Mehr’ Musik wäre da weniger.

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Seine lyrics seien einfach, wurde gesagt. Ja, Hölderlin ist er nicht. Er kommt, wie Hafis, mit wenigen Metaphern aus. I’ll be there und so. Es kommt aber darauf an, was sie treffen. Mehr wäre auch hier nicht genug.

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Es stimmt nämlich nicht, daß das Ganze die Summe seiner Teile ist. Schon gar nicht in der Kunst. Und am wenigsten bei einem Gesamtkunstwerk, wie Michael Jackson eines ist. Er ‚schafft’ es nicht, er ist es selber. Er stellt nicht dieses oder jenes dar, auch nicht sich. Vielmehr gibt er sich preis, er ‚zeigt sich’. Wie er erscheinen will, ist er wirklich, oder wie er erscheint, will er wirklich sein, gleichviel.

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Insofern ist alles echt.[2] Das löst auch das Rätsel seiner einzigartigen Präsenz, so als wollte er uns aus dem Bildschirm ins Wohnzimmer springen: Es ist die Hochspannung zwischen Unmittelbarkeit des Ausdrucks und Perfektion der Ausführung. Bisher ist es so gewesen, daß künstlerische Vollendung noch immer auf Kosten der Lebendigkeit ging; Fischer-Dieskau kann ein Lied davon singen. Nicht bei Michael Jackson. Seine Technizität verschlägt den Atem – und wirkt bei rasender Motorik wie Natur höheren Grades.

(Künstlich wirkt Michael erst, wenn er die Bühne verläßt.)


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puer aeternus

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Die ästhetische Erörterung reicht so weit wie das, was er tut. Und das mag seinen Erfolg in der Breite begründen. Doch der eigentliche Jacko-Effekt geht in die Tiefe: die Zärtlichkeit, mit der sein Volk an ihm hängt. „Danke für das, was Du bist“, schrieb ihm Maximilian Schell in sein Versteck, und sprach der Gemeinde aus dem Herzen. Und was er ist, geht über das Ästhetische hinaus.

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Elvis oder John und Paul wurden geliebt wie einer, ohne den man nicht sein kann. Um Michael war man immer in Sorge. Ihn liebt man wie einen, der ohne mich nicht sein kann, und die Pointe ist, daß es stimmt.

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Was er tut, ist Darstellung. Der Jacko-Effekt kommt aber aus dem, was er ist, dem, was dargestellt wird. Nämlich die wahre Geschichte vom kleinen Michael, der nicht erwachsen werden konnte, nicht werden wollen konnte, weil er nicht Zeit hatte, ein Junge zu sein. Mit fünf Jahren schon Rad im Showgetriebe, ein herziges Lackäffchen; keimfrei, doch schwarz, hochbegabt und von seltener Ausstrahlung: eine Goldgrube. Der erste Kinderstar, der nicht welkte. Stammgast in allen TV-Haushalten, behält er trotz Stimmbruch (es war nur ein Brüchlein) seinen festen Platz unter den Top Ten, denn er schwimmt im Strom. Noch sein erstes eignes Album Off the wall ist der übliche Disco-Schwachsinn der siebziger Jahre.

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Doch der Erfolg macht ihm Mut. Mit dem Thriller-Album bricht er die Laufbahn seiner Kindertage ab und erfindet sich neu – zum Mythus seiner selbst, zum Jacko. Mit schrecklicher Konsequenz und unterm Blick einer lüsternen Öffentlichkeit schneidet er – buchstäblich – seine Erscheinung auf das Bild zu, das er von sich zu haben entschlossen ist: ein ewiger Knabe, schwanweiß und von überirdischer Schönheit; Magical Child.

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Mit dem Thriller-Album gelang Jackson der Durchbruch von der ‚Rolle’ zur Person. Aber persona heißt Maske.

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Magical Child-Jacko ist die letzte Version des unvordenklichen puer aeternus. Auf seinem Weg aus der Antike in die jüngste Moderne hat sich indes der Sinn des Mythus bedeutsam verschoben, von den chthonischen Naturdämonen Dionysos und Adonis, die der Welt ewig sterben und neugeboren werden, zu Peter Pan im HiTec-Modus, der der Welt – jedenfalls dieser – gar nicht erst ‚gehören’ will und ihr eine Nase dreht. Peter Pan ist fiction. Den Jacko aber gibt es wirklich, und so nahm das Unheil seinen Lauf: Wie kann einer in der Welt der Welt abhanden gehen? Nur romantisch, indem er sich verdoppelt. Nur ironisch, indem er sich maskiert – als ein immer und immer wieder Anderer; eine flüchtige Identität, die nur als Wechsel der Erscheinung währt: ‚Ich bin‘ heißt, ich befinde mich in allgemeiner Relation, oder ich wechsle – es ist Glied des Wechsels überhaupt, heißt es in Novalis‘ Fragmenten.

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Es ist aber alles auch vergeblich, denn aus jeder Metamorphose des gewaltigen Jacko tritt wieder und wieder der kleine Michael mit der klagenden Stimme und den traurigen Augen. So geschwind er sich immer dreht, der hängt ihm an und holt ihn ein. („Alles, was er kann, hat er von mir“, sagt im Film das Negerjungchen über den tanzenden Moonwalker.)

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hne, Maskerade, Show und Spiel – so ist er „in Wirklichkeit“. Er ist das lebende Gesamtkunstwerk. Sein Schein ist Sein: Ohne Bühne, ohne sein Publikum überlebt er nicht.

Daß in ihm ein romantisches Lebensalter sich selbst erkannte, wird nicht überraschen. Michael Jacksons Dauerromanze mit den Kindern der Welt beruht auf einer Wahlverwandtschaft.

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Das ist freilich ein gewagtes Spiel für den kleinen Michael, und noch wissen wir nicht, ob er durchhält.

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Michael Jacksons Karriere ist seit Thriller ein sich verdichtender Skandal.

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Doch

was soll ein Werk, das keine Zumutung ist?

fragt Fischer-Dieskau.

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Jugend-Bewegungen

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Aus der Menge der Massenkünstler ragen drei Figuren hervor: Elvis, die Beatles und Michael Jackson. In ihnen haben drei Generationen jeweils sich selbst erblickt. Sind also die Kultfiguren des Showbiz zu einer Konstante der Kulturindustrie, sind „sub“kulturelle Jugendbewegungen zu einem Strukturelement des Generationenvertrags geworden?

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Als unlängst im Kreise von Getreuen der achtzigste Jahrestag des Festes auf dem Hohen Meißner begangen wurde, fiel das Wort vom „Woodstock der deutschen Jugendbewegung“. Das war weniger schief, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Tatsächlich war die deutsche Jugendbewegung in der abendländischen Zivilisationsgeschichte so einzigartig nicht, daß man auf das nationelle Beiwort ganz verzichten könnte. Der Prototyp einer Kulturkonstante war sie aber auch nicht. Sie war historisches Ereignis par excellence, und das wiederholt sich nicht. Sie war auch sehr deutsch. Sie hat, als eine Etappe auf unserm Sonderweg in die Moderne, etwas vorweggenommen, was anderswo erst Generationen später auf die Tagesordnung kam.

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Das wilhelminische Reich war weder bürgerlich noch von Adel, nicht völkisch und auch nicht liberal, nicht modern noch legitim. Es war autoritär ohne Autorität, denn es verstand sich nicht von selbst. Über die Triebkräfte des Wandervogels ist viel orakelt worden. Aber eins ist sicher richtig: Im Wertekanon jenes hybriden Staatsgebildes fehlte das verbindliche, weil durch die Geschichte verbürgte Menschenbild. Kein gentleman, kein grand seigneur oder homme d’état, kein Condottiere, kein Prophet. Als Vorbild lediglich… der preußische Leutnant und der Korpsstudent. Nichts, wonach es sich zu streben lohnte. Aber streben muß die Jugend der herrschenden Klassen, sonst wird es nichts mit dem Herrschen. So strebte sie auf eigne Faust.

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Die Illegitimität von Bismarcks Staat hat den Stahlgewittern an Marne und Somme nicht standgehalten, und der Wandervogel war eine Vorahnung davon. Die Verspätung ihrer bürgerlichen Entwicklung hat die deutsche Geschichte gezwungen, Sprünge zu machen. Das schließlich auch offizielle Ende der Selbstverständlichkeiten machte das Weimarer Deutschland über Nacht zum Versuchslabor der Modernität. Die Jugendbewegung war der Schnittpunkt aller Entwicklungslinien der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert.

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Der Kladderadatsch der gültigen Werte stand den andern Nationen noch bevor – im zweiten Weltkrieg. Richtiger: danach.

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Man hatte gewonnen. Aber was?

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Im Zuge der Mobilmachung aller Ressourcen war im Weltkrieg die Massenkultur explodiert. Die großen Kriege werden in den Köpfen und in den Herzen geführt: von den Medien. Da war er nun, der gewaltige Apparat. Doch welche Botschaft hatte er noch zu transportieren, als der Feind geschlagen war?

Europa hatte den Kopf voll mit dem Wiederaufbau. Nicht die Vereinigten Staaten. Dort hatte der sinnstiftende Mythus von der inneren frontier im New Deal einen letzten, gewaltsamen Sieg errungen. Er führte direkt zum Kriegseintritt, und die frontier verrutschte nach außen. Die Möglichkeiten waren nur noch jenseits der großen Teiche unbegrenzt, der American way of Life verlor den heimischen Boden unter den Füßen. Als die Soldaten zurückkehrten, bekam nicht jeder seine Chance, war nicht jeder seines Glückes Schmied. Das gültige Menschenbild, der Self-made-man (vom Tellerwäscher zum Millionär) erwies sich als hohl, die Jugend fühlte sich düpiert.

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So begann mit dem Siegeszug des Rock’n’Roll die erste weltweite Protestbewegung „der Jugend“. Neue Medien machen’s möglich: Transistorradio und Plattenwechsler, Farbfilm und Fernsehen. Elvis Presley ist der King. Aber nicht unangefochten. Mit Chuck Berry, Little Richard, Bill Haley stehen ihm Paladine zur Seite, die wetteifern.

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Europa rappelt sich aus den Trümmern. Die alten Vorbilder waren gestürzt, doch für neue war im Wiederaufbaufieber „keine Zeit“. Da nimmt die Nachkriegsjugend den amerikanischen Anstoß bereitwillig auf. Das heißt, die Jugend der unteren Klassen.

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Elvis für die Volksschüler – für die Gymnasiasten Bebop und Albert Camus: hie Halbstarker, da Existenzialist; und James Dean für alle beide. Das Wort von der Jugendkultur, bei Gustav Wyneken ein Kampfbegriff, hat Renaissance. Es fehlt freilich an gestalterischer Kraft, diese Jugend scheint nur zu verneinen („skeptische Generation“), und so dürfen die Soziologen das Phänomen zur ‚Subkultur’ herabstimmen: Es geht vorüber. Krawalle in Schwabing und im Sportpalast wachsen sich aus wie die Pickel der Pubertät.

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Tatsächlich versickert der Jugendprotest in den Wirtschaftswundern, und mit ihm verwässert der Rock’n’Roll. Der Wohlstand genügt sich selbst als Vorbild. Allerdings nur, solange er noch nicht selbstverständlich ist. Mit der Gewöhnung kommt die Unzufriedenheit, es ist nie genug: Die Zeit ist reif für eine neue Jugendbewegung.

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Diesmal wandern die – ästhetischen und weltanschaulichen – Werte umgekehrt, von Europa nach Amerika: die Beatles in Hollywood Bowl! Wieder machen neue Medien Druck: HiFi, Musicassetten, LP und – das Album als dramaturgisches Ensemble. Auch die Beatles sind mit Abstand die Größten, aber nicht die einzigen: Beach Boys, Bee Gees und Rolling Stones bleiben ihnen auf den Fersen.

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Und wirklich ist ‚die ganze Jugend’ in Bewegung: Volksschüler, Gymnasiasten und Studenten finden sich im selben Beatschuppen endlich vereint. Das zeigt, daß es diesmal ernst werden soll mit der ‚Jugendkultur’. Es geht nämlich um nicht weniger als den Durchbruch zum Neuen Menschen. Die achtundsechziger Kulturrevolution ist ein Paradigmenwechsel (das Wort macht seither Furore): An die Stelle des ‚Leistungsterrors’ tritt nun der Befriedigungswettlauf; die Arbeit tun die andern, betitelt Helmut Schelsky seine Schmähschrift gegen die Ideologen des Neuen Menschen.

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Das Zauberwort heißt: Bedürfnis, und gemeint ist damit eine Leere, die erfüllt sein will; nicht sowohl ein Drang, der nach etwas strebt, woran er Anstoß nehmen kann. Erfüllung heißt Füllung, und „reinziehen“ wird zur Lieblingsmetapher einer Generation. Die Welt ist nicht länger Heraus-Forderung, sondern Selbstbedienungsladen eines zehrenden Daseins. Sinn des Lebens wäre: die Erhaltung seiner in statu. „Lebensfeindlich“ wird zu einem Moralbegriff[3] und bedeutet etwa soviel wie früher „das Böse“. Es konnte nicht ausbleiben, daß für diese Stoffwechselethik ‚die Natur’ in Anspruch genommen wird. Aber die Biotisierung des Moralischen ist zugleich nur eine Ökonomisierung des Lebens: Geben und nehmen, nichts vergeuden, es soll Keines zu kurz kommen und – es muß alles „was bringen“. Was sich vorne als neue Natürlichkeit drapierte, entpuppte sich hinten als neue Rechnungsträgerei. Das endlich befreite Leben war nicht spontan, sondern hyperreflexiv geworden.

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Daß dabei der ‚Konsumterror’ ebenso gegeißelt wurde wie die Leistungsideologie, mag im Rückblick befremden. Das Mißverständnis war aber nur ein halbes; denn tatsächlich wurde nun anders konsumiert, nämlich „richtig“, und es traten wahre Bedürfnisse an Stelle der falschen, das heißt, vornehme an Stelle der vulgären. Also das, was der Snob sonst Massenkultur nennt.

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Natürlich war ‚Qualität’ gefragt; allerdings viel davon…

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Folgten am „Ende der Wirtschaftswunder“ die Bedürfnisse einem veränderten Angebot oder folgte das Angebot ‚neuen’ Bedürfnissen? Ein Streit um des Kaisers Bart. Jedenfalls erlebten die späten sechziger Jahre den Siegeszug des Keynesianismus durch Fakultäten und Ministerien.

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heimwärts

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Doch nicht dem Ökonomen Keynes, sondern dem Psychologen Freud verdankt das Bedürfnisbefriedigungsaxiom seinen Platz unter den Selbstverständlichkeiten des Zeitalters. Binnen weniger Jahre wurde ‚die Psychoanalyse’ herrschende Meinung in Hörsälen und Feuilletons, um schließlich in die Alltagssprache durchzusickern. Die freudsche Doktrin verhalf, als Biologisierung des Seelischen, der Ökonomisierung des Biotischen zu ihrem Durchbruch. Hier erscheint ‚die Natur’ ungeniert als Haushälter, als Bourgeois, der seinen Vorteil sucht. In frivole Redensarten gekleidet, lebt im ‚Primat des Genitalen’ die sehr bürgerliche (und selbst theologisch unseriöse) Vorstellung auf, Liebe und Leidenschaft seien eine nützliche Einrichtung der Natur zur Steigerung des Outputs.

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Dabei ist doch der Mensch unter den Gattungen die Einzige, deren Sexualfunktion nicht (mehr) an einen physiologischen Fruchtbarkeitszyklus gekettet, sondern „allzeit bereit“ ist: das einzige Lebewesen, dessen Sexualverhalten gerade nicht biotisch, sondern ‚historisch’ ist. Das Auftreten eines Eros diesseits des Genitalen war ein Kulturereignis, und eine der Geburtsstunden des Menschlichen. Denn beim Eros liegt, im Unterschied zum Sexus, der Akzent auf dem Reiz, nicht auf seiner „Abfuhr“; auf der Andersheit, nicht auf der Gleichung; der Störung, nicht der Genug-Tuung. Der Reiz ist der Stoff, aus dem das Ästhetische gemacht ist. ‚Befriedigung’ dagegen ist anästhetisch, sie betäubt. Der Eros ist das befremdende Erlebnis der Andersheit des andern. Das ist die Stelle, wo der Mensch zum erstenmal aus seiner Naturbestimmtheit herausgetreten ist und seinen Fuß ins Reich der Freiheit gesetzt hat.

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Mit der Genitalisierung, Biologisierung des Eros hörte die Liebe auf, Leidenschaft zu sein, und bekam einen haushälterischen Zweck: eine nie unterbrochene Beziehungs-Arbeit an der Auflösung der Andersheit des Andern in unanstößige Selbigkeit. Und tatsächlich kennen wir alle diesen Moment, wo aller Unterschied vergeht und das Bewußtsein ertaubt: La petite mort nennen es die Franzosen, satisfaction sagt Mick Jagger, und nie kriegt er genug davon.

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Bedürfnis wird so zum Wesen „der Natur“, Befriedigung wird ihr Zweck, und was ist Befriedigung, wenn nicht die Auflösung der Spannung, der Ausgleich der Unterschiede, die Reduktion der Reize, Herstellung von Gleichheit? Das Wesentliche am „Trieb“ ist hier nicht, daß er treibt, sondern seine „Entladung“. Wiederherstellung des Status quo ante: Homöostase und Homogeneität sind die Urbilder einer Welt-Anschauung, die nur scheinbar der Allmachtphantasie von der Herrschaft des Menschen über die Natur, in Wahrheit aber der Angst vor der Freiheit und dem Sehnen nach Geborgenheit entspringt. Früher war das Leben immer wieder auch von Furcht erschüttert; in der Moderne zittert es vor Angst. Das Gesetz der Natur entdecken, um in sie zurückzufinden, darauf lief das Programm der abendländischen Wissenschaft am Ende hinaus. Das gefundene Gesetz hieß Befriedigung.

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Was noch nicht Befriedigung ist, ist mithin gesetzt als Unbefriedigtheit; nicht – problematisch – als Stachel eines Wachstums, sondern – ‚positiv’ – als Mangel. Und wie durch Zufall deckt sich der dynamische Kern der Freudschen Trieb-Mechanik mit dem Grunddogma der Politischen Ökonomie: daß der Mangel das wahre Positive, nämlich Realgrund der ‚Entwicklung’, und daß Behebung des Mangels vulgo Befriedigung der gesetzliche Zweck des ‚Fortschritts’ in der Welt sei: klassisch formuliert bei Adam Smith (und Hegel).[4] Dahinter steht der Mythus von dem ursprünglichen, durch Sündenfall gestörten Gleichgewicht. ‚Fortschritt’ und ‚Entwicklung’ haben in dieser Perspektive stets einen merkwürdigen Beiklang von Zurück. Reduktion ist der denkökonomische Grundsatz der positiven Wissenschaft, Zurückführung des Heteronomen auf Identisches, die Gleichung wird zum Siegel der Erkenntnis.

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Die Reduktion erscheint aber nur statisch gesehen (theoretisch: im Raum) als Gleichung. In dynamisch-genetischer Hinsicht (in der Zeit: im Leben) erweist sie sich als Regression.

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So verkehrt sich die Positivität des neunzehnten Jahrhunderts an der Schwelle zum einundzwanzigsten aus Fortschritt zur Heimkunft:

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Zurück,

zurück, wo still die Wasser stehn

wo Glück um Glück die Rosen wehn

…du bist Erinnerung an Urgeschehn.

Benn

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ich ganz wichtig

Halt nach dir Ausschau; und

wo du dich findest, da laß von dir ab.

Meister Eckhart

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Die Hauptsorge des in der lonely crowd verlorenen Bürgers der Moderne gilt seiner ‚Identität’. Derer mich zu versichern, habe ich grundsätzlich zwei Wege. Erstens in der Begegnung des Fremden, als das Andre des Andern; als „Glied des Wechsels überhaupt“. Das ist der problematische Weg, denn man weiß nicht, wo er hinhrt. Oder, zweitens, in der Gleichung. Das ist der positive Weg. Er führt mich zurück in ‚mein Selbst’. Ob ich es (theologisch) als Seele fasse oder (psychoanalytisch) als Triebhaushalt oder (biologisch) als Stoffwechsel: Immer verhält sich dieses ‚Selbst’ zu seinem Andern als bedürftig. Als Substanz gedacht, ist das Ich zehrend.[5]

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Unerachtet, welcher Weg der theoretisch ‚richtige’ ist, haben beide ihren lebenspraktischen Sinn. Der eine öffnete das Tor zur Moderne, wies ziellos ins Ungewisse und bestimmte den Menschen zum Unternehmer. Der andere verheißt Aufgehobenheit in der „Natur“ und Heimkunft, und bestimmt den Menschen zum Ackerbauern, Krämer und Sachbearbeiter. Er hat ein Endziel, und das heiß Sicherheit.

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Der Mensch als zielloser Unternehmer scheint anmaßend und bedrohlich, als Bedürftiger wirkt er friedlich und bescheiden. Das trifft aber nur im geordneten Kosmos zu, wo ein Jedes seinen gottgewollten Platz hat. Im offenen Universum, wo das Selbst außer ‚sich’ nichts hat, wovon es ausgehen kann, kehrt sich die Perspektive um. Während der Unternehmer jetzt die Welt als seine Aufgabe (an-) erkennt, entwertet der Bedürftige alles Andere zu bloßen ‚Dingen für mich’. Das zehrende Ich bestreitet dem Andern die Geltung, denn das ‚gibt es’ lediglich um seines Selbst willen.

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Ich und mein Bedürfnis, wir sind eins und ganz wichtig. Ich bin mein Bedürfnis – das heißt, streng genommen: Das Bedürfnis ist (transitiv) mich. So kam es zu dem Paradox: Namens neuer Natürlichkeit ist der ökonomisierte Bios hyperreflexiv geworden. Die Grundhaltung des postachtundsechziger Menschen ist Selbstbespiegelung. Nichts ist mehr ‚bloß so’, sondern alles hat eine Bedeutung, einen Hintersinn, einen verborgenen Bezug auf ‚mich’, meine Zehrung: „Was bringt mir das? Wie kann ich es auf mich beziehen? Wie soll ich damit umgehn?“

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Egozentrik als Weltanschauung, das axiomatische Überwiegen der regressiven Persönlichkeits‚anteile’ über die progressiven, waren freilich keine Erfindung der achtundsechziger Kulturrevolution. Sie ‚galten’ vielmehr schon immer: als Grundbefindlichkeit des sogenannten „Jugendalters“. Was von Kulturkritikern nachlässig als Infantilisierung unserer Gesellschaft gerügt wird, ist in Wahrheit deren Adoleszentifizierung[6].

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Dies war der Sinn der Jugendbewegungen: die Emanzipation der „Jugend“ vom ‚psychosozialen Moratorium’ (E. Erikson) zur kulturellen Norm, und das ist keine Aufgabe von ‚Jugend überhaupt’, sondern war Sache dieser Generation. Ein Lebensgefühl sollte zu allgemeiner Geltung gebracht werden – das Lebensgefühl der Angestelltenzivilisation. „Jugend“ wurde zum allgemeinsten Kult einer Epoche, die sich selbstverzückt die Postmoderne nennt.

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der Mythos des 20. Jahrhunderts

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Als ‚die Moderne’ bezeichnen wir die Zeit, wo der Glaube aus dem Alltag entschwunden ist – weil sich das Leben in Öffentliches und Privates schied. Seit Gottes Tod ist nun das Universum offen und sind wir zur Freiheit verurteilt. Doch die Carmagnole tanzten wir nur einen Sommer, dann packte uns Heulen und Zähneklappern: Ohne Führung waren wir mit den Rätseln der Welt alleingelassen, die menschliche Existenz erschien plötzlich so, wie sie womöglich schon immer gewesen war: unsicher; stets neu verwirrt von den bangen Fragen ‚Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?’

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Erschreckt vom End- und Maßlosen jagten wir der verlorenen Gewißheit hinterher. Die vormalige Positivität des geoffenbarten Wortes sollte uns – die Wissenschaft zurückbringen. Aus dem Chaos der Erscheinung sollte sie herauslesen, woran wir uns halten könnten. Wahrheit sollte jetzt in der Wirklichkeit selber liegen, und das Sein einen Sinn in und an sich tragen. Der Kernsatz der Identitätsphiloso- phie, das Wahre sei das Wirkliche, ist die obskurantistische Umkehrung von Holbachs System der Natur und Laplaces Weltformel. Ob Uhrwerk oder Weltgeist – in dem alles entscheidenden Punkt, daß in der ‚Erscheinung’ ein ‚Gesetz’ walte, sind sie einig. Dies Gesetz sollen wir „heraus“ finden, und dann wissen wir wo’s langgeht.

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Revolution und Transzendentalphilosophie hatten den Menschen auf seine Füße gestellt, aber denen traute er nicht und griff nach einem Geländer. Jene hatten die Welt als Bestimmbarkeit, nämlich als Aufgabe und Problem erkannt, aber wir wollten Bestimmtheit. Fürs Moderne waren wir noch zu neu, und romantische Ironie verbiederte zu bürgerlicher Positivität. Aus Revolution wurde Fortschritt. Aus Zwiespalt Entwicklung.

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Niemand hat diesen Umschlag personi-fiziert und zu Wort gebracht wie F.W.J. Schelling. An der Unbestimmtheit der Welt, der „zweideutigen Natur, was sich umdrehen kann und unter der Hand ein anderes werden“, hält er fest bis zum Schluß. Doch darüber stellt er schon „das alleinige, das höchste, über allem schwebende Weltgesetz, das verbietet, daß etwas in der Unentschiedenheit verharre, ein Gesetz, das fordert, daß nichts verborgen bleibe, alles offenbar werde, alles klar, bestimmt und entschieden sei und so erst das vollkommene, beruhigte Sein gesetzt werde“. Diese Philosophie nennt er die positive.

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Die Positivität des vorigen Jahrhunderts hieß Fortschritt; kein Begriff, sondern ein Mythus, und also ein Bild. Eigentlich absurd, denn das Bild ist ja vieldeutig und ungewiß und gar nicht positiv. So klangen denn im Fortschritt neben Gesetz und Richtigkeit stets auch Unendliches, Fremde und Abenteuer mit.

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Die Gewißheit des neunzehnten Jahrhunderts war selber zweideutig. Qua Fortschritt wurde zwar Sein zu Sollen und Notwendigkeit zur Freiheit. Die Verdrängung der Bilder durch die Begriffe, der Vorstellung durch den Beweis, des Poietischen durchs Diskursive war zwar eine Flucht vor der Moderne. Aber die Vereindeutigung des Denkens stand immerhin im Dienst verallgemeinerter Mitteilung und also des sich stets erweiternden Verkehrs der Menschen, der doch selbst befreiend wirkt.

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Die wahre Dialektik der Aufklärung ist dies: Die Wissenschaft wurde, anstelle der Kirche, zur Institution, und deren Auftrag ist, nach Arnold Gehlens kanonischer Formel: ‚Entlastung der Menschen von zuviel Unterscheidungs- und Entscheidungsdruck’; nämlich von zuviel Freiheit.

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Sub specie Fortschritt mauserte sich auch ‚die Revolution’ von der Aufgabe zur Lösung, von der Freiheit zur Notwendigkeit, wurde positiv und zur absoluten Idee; aber sie fiel ins Wasser. Da enthüllte der Geist der Utopie sein Antlitz, und das wies – rückwärts. Die Furcht vor dem Fremden gewann nun Oberhand, aus dem Fortschritt wurde der Zwiespalt ausgeschieden. Der wahre Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts heißt Sicherheit. Sie war das Leitmotiv aller Endlösungen. Der Feind, erklärt Carl Schmitt, sei „unsere eigene Frage als Gestalt“. Sie sagten Prinzip Hoffnung und meinten heim ins Reich. Volksgemeinschaft, Zukunftsstaat, ewiger Frieden: Die Schäfchen wollten ins Trockne gebracht sein, ein für allemal. Der bereinigte Fortschritt entpuppte sich als Zirkel: Zurück zu den Ursprüngen, Heimkehr aus der Fremde.

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O daß wir unsre Ururahnen wären.

Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.

Leben und Tod, Befruchten und Gebären

glitte aus unsern stummen

Säften empor.

Benn

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Neverland

Als ich geboren wurde, war ich noch

jung. Aber die Zeit war schon alt.

Erik Satie

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Ihr sozialer Status wird den Individuen andefiniert durch die Institutionen, auf die sie verwiesen, auf die sie angewiesen sind. Kindheit war, mit ihrem Aufkommen in der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich fortschreitend von oben nach unten in der Sozialpyramide, zwiefach definiert – erstens durch die Institution, von der sie ausgeschlossen wurde, den Markt; und zweitens durch die Institutionen, in die sie eingeschlossen wurde: Schule und Familie.

Das Bild der Schule wird in den sich modernisierenden modernen Gesellschaften zusehends diffus, ‚ungestalt’, verächtlich; sie stiftet keine Identität, sondern Beschämung: sie entwürdigt. Nicht minder die Familie; sie hört sogar auf, selbstverständliche Realität -, hört auf, Institution zu sein. Kindheit ist nicht länger, wie seit ihrer Erfindung, verfaßt.

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Der Status ‚Kind’ ist im Schwinden. Nach Neil Postman möchte man sagen: Er wird obsolet in dem Maße, wie die Gesellschaft selber infantilisiert. Aber nicht das Kind ist typischerweise kindisch; das Kind ist kindlich.[7] Kindisch ist die Adoleszenz, die nicht enden wollende zumal.

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Diese aber ist, als zehrendes Dasein, eigner Charakter postmoderner Über-‚Reife’. Infantilisierung der Gesellschaft ist ein leichtfertiges und gegen die Kinder ungerechtes Pseudonym für deren Adoleszentifizierung.

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Mit der Emanzipation von „Jugend“ aus einer Vorbereitungs- und Übergangszeit zum Ursprung und Inbegriff gesunder Erwachsenheit selbst erfuhr im Laufe unseres Jahrhunderts die Normalbiographie eine bedeutungsvolle Umgewichtung. Die zäh schleichenden ‚Reifungsjahre’ verkürzen sich und werden vom absteigenden auf den aufsteigenden Ast der Pubertät zurückgedrängt. Eine lange Stufenleiter wird zu einem Sprung verkürzt, der Übergang zum Bruch verdichtet. Während der Soziologe die „Flegeljahre“ entdeckte (Hans Heinz Muchow 1950), entdeckt der Anthropologe den „zweiten Gestaltwechsel“ (Wilfried Zeller 1952). ‚Reifung’ dramatisiert sich, mit Erik Erikson zu reden, zur „zweiten Geburt“ und wird zum Schlüsselkapitel im Lebensroman eines jeden. Wie alles andere, verliert das Heranwachsen seine Selbstverständlichkeit und wird zum Problem, nämlich zur Aufgabe, an der man scheitern kann wie nie zuvor. Die Aufgabe heißt Abschiednehmen; von der Kindheit. Sie schafft einen Zustand, in dem das Lebensgefühl geprägt ist von einer Verdoppelung des Selbst: einerseits „ich bin schließlich kein Kind mehr!“, andrerseits „aber ich bin doch noch ein Kind!“ – und nicht etwa mal so mal so, sondern beides ist gleichzeitig wahr und uno actu. Es ist wesentlich ein Leben im Zwiespalt; eine dilemmatische, eine kritische, eine Krisenzeit; eine Existenz in der Schwebe. Wie Michael-Jacko sind sie immer zwei in einem.

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Am Anfang der Moderne hatte der Bürger der Unsicherheit der Existenz ins Auge geblickt, war „erwachsen“ geworden und hatte die Kindheit aus sich ausgeschieden. Individualgeschichtlich geht es indes mit den Flegeljahren heute ebenso, wie weiland kulturgeschichtlich mit dem Aufbruch in die Moderne. Man findet sich an einer Schwelle, hinter der das Universum offen und kein Ort mehr ausgezeichnet ist, es sei denn durch mich. Da ahnt uns auf einmal die Entropie der Welt: von der Ordnung, wo wir zuhause waren, in die Unordnung, die uns zukommt. Nichts wird halten und „alles fließt“. Im selbstverständlich geordneten Kosmos erschien das Leben als eine Folge von ‚Stufen’, von denen eine jede ihr heimlich vertrautes Gesetz hatte. Jetzt sind zwischen den zwei Stockwerken – ‚Kind’ und ‚erwachsen’ – keine Stufen mehr: Man schwebt in der „Lücke“.

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Im positiven Zeitalter gibt es nämlich keine rites de passage. Im Reich der Waren und Werte hat das Leben keine Geheimnisse mehr, in die ich eingeweiht werden müßte. Denn an sich sind die Rätsel der Welt gelöst, oder werden es morgen schon sein. „Der Wissenschaft“ bleibt nichts verborgen; die Welt liegt ausgebreitet vor uns und will vermessen werden. Alles läßt sich erfassen und quantifizieren, die Statistik wird zum vorherrschenden Erkenntnismittel.

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Man muß nur noch lernen.

Jeder ist ein Arbeiter, und alles hat seinen Nutzen, wenn nicht für dich, dann für mich.

Das Leben ist Arbeit.

Probleme sind zu lösen.

Das Wissen ist gesichert.

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Das Grundproblem des bürgerlichen, des modernen Menschen ist, daß ‚es’ in seinem unendlich offenen Universum nichts ‚gibt’, woran er sich halten kann; keinen Platz, an den er gehört; kein Ziel, das ihm bezeichnet, kein Standpunkt, der ihm angewiesen ist. Und wollte er selber suchen, wohin er soll, müßte er schon gefunden haben, wovon er ausgehen kann: ‚woher’ er ‚kommt’. Dies Woher, das nicht Alles, aber außer dem alles Nichts ist, nennt er eben seine Identität, und der jagt er ständig hinterher.

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Die postmoderne Angestelltenzivilisation ist der drohenden Freiheit glücklich entkommen. Dem zehrenden Selbst ist Identität eine Art Scheck, der nur noch einzulösen ist; gesucht wird allenfalls der betroffene Schalter.

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Aber da gibt es immer noch jenes Lebensalter im ‚Bruch’, das irreduzibel neu und darum „von Natur“ modern ist. Noch der Positivste unter den Sachbearbeitern hat einmal eine Zeit gehabt, wo Freiheit außer Unsicherheit auch Versuchung war. In diesem Alter ist der Mensch ‚Unternehmer’, so wie am Beginn der Moderne. Wie und was er ist, wird er durch das und in dem, was er in der Welt unternimmt. Seine Unternehmungen: das sind seine (beweglichen) Wechselwirkungen mit Andern. In diesem Zustand findet er Identität nicht (gesetzt) ‚hinter’, sondern gewissermaßen (schwebend) ‚vor’ sich, im ständigen Hin und Her zwischen Alter und Ego; Glied des Wechsels überhaupt.

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Springender Punkt im Wechsel ist freilich die Gegenseitigkeit. Das Problem der Anerkennung steht darum – vor der Gleichheit – im Zentrum der Sozialphilosophie seit Fichte und Hegel. Denn es geht ja um den Wechsel der Wirkungen. Anerkennung zollen sich die bürgerlichen Individuen der Moderne nur als Tätige. Nur wenn die eine Tätigkeit die andere ‚wert’ ist, gilt sie. Oder, gerade heraus gesagt: Anerkenntnis findet in der bürgerlichen Gesellschaft in Form des Äquivalententauschs statt, am Markt, und „das allgemeine Mittel, den Fleiß der Menschen gegen einander zu verkehren“, so Kant, ist das Geld. Doch so viel Geld unsere Kinder immer in ihren Taschen herumtragen mögen: aus eigener Tätigkeit stammt es nicht. Ihr wahrer ‚Fleiß’ ist Spiel, das bekanntlich keinen Zweck und erstrecht keinen Nutzen hat. Wert schafft es nicht. Es hat Wert, Erlebniswert. Aber eben nicht für andere, denn er läßt sich nicht mitteilen und tauschen. (Aber vielleicht in Bildern darstellen? Doch dazu weiter unten.)

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Vorderhand ist es jedenfalls so, daß Kinder für ihre spezifische Tätigkeit am Markt keinen Gegenwert erzielen und darum nicht persönlich, sondern nur mediatisiert (namens ihrer Eltern oder „weil sie unsere Zukunft sind“) gesellschaftlich anerkannt werden. Streng genommen kann man das Dilemma, welches die Knabenjahre zum „Lücke-Alter“ definiert, so beschreiben: Schon bekommen sie, ins offene Universum entlassen, die Aufgabe zugewiesen, an ihrer Identität Halt zu suchen („Aber du bist doch schon groß! Das kannst du doch schon einsehen!“); aber noch fehlt die Gelegenheit, sie in prozessierender Wechselwirkung mit Andern zu realisieren.

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Es ist ein Lebensalter und Sozialstatus jenseits geborgener Häuslichkeit, aber diesseits der (noch) bürgerlichen Gesellschaft. Doch ‚an der Schwelle zur Gesellschaft’ hat sich, als pis-aller, eine soziale Realität sui generis entwickelt, die Kindergesellschaft; im versnobten Deutschland zufällig kaum, aber im naiven Amerika unter Soziologen als kid society bekannt. Es handelt sich, wohlbemerkt, nicht um eine „Subkultur“, wie sie hiesigen Jugendsoziologen lieb und auch teuer ist. Denn sie beruht nicht auf der (exklusiven, absichtsvoll partikularen, diskriminatorischen) „Wahl“ dieses oder jenes „Stils“. Die Kindergesellschaft ist vielmehr öffentlich und allgemein. Ihre Regeln und Gesetze haben nicht den Sinn, aus-, sondern einzuschließen. Jeder gehört dazu, der sich nur irgend selbst dazuzählt. Ihr (lebensgeschichtlicher und sozialisatorischer) Sinn ist nämlich: Anerkenntnis, wenigstens provisorisch. Sie ist Gesellschaft gerade in dem Sinn, daß sie konfligierende Stile, Typen, „Gruppen“ zueinander in Beziehung setzt und insofern ‚verbindet’ – und sei es im Streit, ganz wie im richtigen Leben… Ihr Lebens-Mittel sind nicht Homogeneität und Gewißheit, sondern Versuchen und Überraschen. Denn vor allem herrscht das Gefühl des Vorläufigen. Alles steht im Zeichen des Als-ob. Die Kindergesellschaft lebt auf Pump. Sie besteht nur im Windschatten der wahren Gesellschaft der Warenflüsse, die sie so gerne parodiert. Ein eignes Reich ist sie nur zum Schein, aber sie ist ein Reich des Scheins. (Doch nichts sei wahrer als der Schein, sagt Max Liebermann). Sie ist keine Welt für sich, sondern bloß ein Vorgarten. Sie ist ein autogener rite de passage.

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Kiddie Kulture ist das gemeinsame Imaginarium – shared significations, mitgeteilte Erlebnisse – der Kindergesellschaft. Sie stiftet (vorläufige) Identität. Wir erleben, wie unter unsern Augen die von oben her zersetzte Kindheit im Begriff ist, sich von unten selbst zu verfassen, indem sie sich ein Bild von sich macht und ein eidolon setzt, in dem sie sich anschaut und zujubelt. Dies Bild trägt die (veränderlichen) Züge von Michael Jackson.

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Durch ihn ist Kiddie Kulture zur kommerziellen Großmacht geworden. Sein Kult hat ihr Dauer gegeben über die Moden des Tages hinaus. Er hat der Kindheit eine Würde und in der Warenwelt ihren Platz verschafft: Der Weltmarkt ist der bürgerlichen Anerkenntnis oberste Instanz.

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Was aber ist der ‚Gehalt’ dieses Kults? Wie sollten da eigne Werte dargestellt sein, wo er doch sein Material in sekundären, ausgemusterten Versatzstücken aus der Trivialkultur der Erwachsenen findet? Tatsächlich fällt zunächst auf, daß Kiddie Kulture sich aus dem zuhandenen Bildervorrat der Unterhaltungsindustrie bedient.

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nur die Bilder sind poetisch

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Nach Gottes Tod ging die Wissenschaft daran, die verlorene Gewißheit zu restaurieren – statt offenbarter Sätze deren Herleitung aus geprüfter Erfahrung. Das diskursive Denken gilt als Denken schlechthin. So wie sich die Welt den positiven Wissenschaften als Ansammlung isolierbarer Daten darstellt, erscheint sie dem reinen Denken als System definierter Begriffe. Beidemal präsentiert sie sich als ein Ensemble von Wahrheits-Atomen, zusammengehalten hier durch das Denk-, da durchs Naturgesetz, die einander irgendwie ‚widerspiegeln’. Das war es, was Kant den „dialektischen Schein“ genannt, und was Hegel, Schelling folgend, zum mysteriösen Grund seiner Spekulation gemacht hat.

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Die Ganze Welt als Ein System, das war die säkularisierte Version Gottes in einer bürgerlichen Zeit, die vor dem geöffneten Tor zum Reich der Freiheit der Mut verließ. Mathesis universalis war das – erklärte oder heimliche – Programm der Wissenschaft durch zwei Jahrhunderte: die Welt more geometrico aus Punkten (Daten, Begriffen) und Linien (Kausalität, Schlußregeln) rekonstruieren.

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Die Rück-Versicherung der Welt durch positive Wissenschaft findet ihr paradoxales Ziel und Ende heute in der digitalen Sprache des Computers: Was wäre eindeutiger als das binäre 1 und 0? Selbst in den Geisteswissenschaften ist das anschauliche Sprechen fast ausgemerzt.[8]

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Doch zeitigt die Jagd nach Eindeutigkeit als ihr letztes Resultat witzigerweise ein Schisma im Geist der Zeit: Neben den bits und bytes hie steht dort, unvermittelt, die Neue Spiritualität des Bauches, und zwar nicht etwa als die verfeindeten Lager einer mit sich um die Zukunft ringenden Zeit, sondern oft genug in ein und demselben ‚In’dividuum. Der Zwiespalt sollte ausgerottet werden und reicht am Ende so tief wie nie. Die Ära, die sich kokett die Postmoderne nennt, präsentiert sich als das Zerfallsstadium des positiven Zeitalters. Das klappernde Ja ja, Nein nein auf der einen, der ewig bedürftige Bauch auf der andern Seite – das Poietische blieb bei der Jagd nach Endgültigkeit auf der Strecke. Die schöpferische Impotenz der Postmoderne hat sich an den sichtbarsten Stellen in unseren Städten in Marmor, Stein und Eisen ihre schauderhaftesten Denkmäler gesetzt.

Ihr einziges Originalgenie war Michael Jackson; weil er zwar in sie paßt, doch wie die Faust aufs Auge.

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Zur Kenntlichkeit verzerrt und zur Vollendung gebracht findet sich die Ästhetik der Postmoderne in… Kiddie Kulture. Die disparatesten Elemente wüst durcheinandergeworfen, ein Sammelsurium beliebigster Bilderzitate, Hauptsache schrill, reim dich oder ich freß dich, über Geschmack läßt sich nicht länger streiten…

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Aber was dort gravitätisch daherkam als letzter Schrei des feinen Geschmacks, bekennt sich hier munter und unbefangen als das, was heute, nachdem alles gesagt, gezeigt und geschrieben ist, allenfalls neuerlich „Sinn machen“ kann, als Schabernack. Die tausendfach abgenutzten Bilder mutwillig so zueinander pressen, daß sie schreien: das reinigt die angestaubten Augen und erfrischt den dösenden Blick.

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Eine hübsche Ironie: Es ist die digitalisierte Technik, der die entwerteten Bilder ihre späte Emanzipation verdanken. Das analogisch-anschauliche Denken rächt sich am diskursiv-digitalen mit dessen eignen, sophistiziertesten Produkten. Heimcomputer und Videogerät liefern das materielle Substrat für Kiddie Kulture und situieren sie an der Spitze des Fortschritts. Unter allen Marktsegmenten ist sie das dynamischste. Michael Jackson hat den Video-Clip in den Rang des Kunstwerks gehoben.

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.So wie Neil Postman und die andern Snobs, die das Ende der Kindheit beklagen und ihr Bildungsprivileg meinen, jetzt über die Bilder reden, hat man noch Anfang vorigen Jahrhunderts über die – Bücher geredet. Das romantische Schicksal des Helden von Stendhals Rot und Schwarz fing damit an. Welch verderbliche Wirkung das Lesen von Romanen auf ein kindlich Gemüte haben kann, war indes schon zweihundert Jahre zuvor am Fall des traurigen Ritters aus der Mancha ruchbar geworden…

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Noch haben jedesmal die Hüter der Kronjuwelen den Untergang des Abendlands gewittert, wenn neue Medien die Wege zum Wissen vermehrt, den Horizont der Vielen erweitert und den Verkehr der Menschen flüssiger gemacht haben. Auch die Erfindung Johann Gutenbergs war einmal Teufelszeug.

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Nun ist aber gerade das anschauliche Denken das eigentlich produktive, denn es ist vagierend und gesetzlos. Erst die räsonierende Reflexion, die die Resultate des produktiven Denkens auf ihre Tauglichkeit – Was bringt es mir? – prüfen will, wird diskursiv, braucht Begriffe und Schlußregeln. Aber ohne Anschauung hat es nichts, worauf es sich verwenden kann; wird pedantisch und querulantisch und leer wie gedroschnes Stroh. Schöpferisch ist die Einbildungskraft, nicht das Abwägen der Gründe. Denn Bilder sind nicht positiv, sondern schreien nach Deutung, sie provozieren.

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Die Welt ist nicht mit Wörtern auszumessen. Sie ist kein mit lesbaren Sätzen vollgeschriebenes Buch. Sie ist ein Fluß belebter Bilder, in die man einen Sinn erst hineindeuten muß, wenn man ihn herausfinden will. Wer meint, er müsse nur lesen lernen, wird sich bald in einem hermeneutischen Kreisel drehen – und entnervt beim Stoffwechsel Halt suchen.

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Freilich gibt es im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit kaum noch Bilder, die nicht schon reichlich zu sehen waren. Ihre Trivialität macht glauben, sie trügen ihren Sinn schon bei sich.[9] Zugleich gibt es kaum noch etwas, das nicht längst gesagt und gedruckt wäre. Auf jedes Bild ein Begriff, auf jedes Töpfchen ein Deckelchen, es ist für alles gesorgt in prästabilierter Harmonie. Doch Bilder, die zuviel reden, verblassen. Der richtige Umgang mit den Bildern ist heute der verfremdende: sie so zu einander zu setzen, daß es nicht paßt. ‚Sinn’ entsteht aus der Brechung dessen, was sich „von selbst verstand“. Diu witze[10] hieß das mittelhochdeutsch. Ironie ist der modernere Begriff. Die Positivität der Plattharmonischen ist witzlos.

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der Durchbruch

Das Wesen der Romantik

ist Ungewißheit.

Oscar Wilde

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Elvis war ein König unter seinesgleichen. Die Fab Four wurden zum Maßstab ihres Genres. Michael Jackson ist ein Genre für sich.

Sie kamen alle nicht zufällig an die Spitze. Der Kult um die Stars der Massenkultur beruht zur Hälfte auf Selbststilisie- rung. Aber es muß was zum Stilisieren da sein. Jeder hat es nicht.

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Kiddie Kulture verdankt ihr Aufkommen der Abdankung traditionell identitätsstiftender, ‚verfassender’ Institute. Zu ihrer Befestigung fehlte ein Bild, ein Name, ein Zeichen; am besten noch: die lebendige Gestalt von Puer aeternus, in der die Kinder sich erkennen und loben konnten.

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Michael hat sich um seiner selbst willen zum Jacko stilisiert, anders hätte er nicht gekonnt. Mystifizierung und Maskerade sind sein Stil; aber Magical Child ist echt. Die Verwandtschaft von Kiddie Kulture und Michael Jackson beruht auf gegenseitiger Wahl. Jedenfalls ist sie kein Zufall.

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Wer anfängt zu verstehn, versteht nichts mehr, schrieb Erich Kästner. Das Kosten am Baum der Erkenntnis, der Schreck vor der plötzlichen Offenheit des Universums, das Ende der Unschuld, der Abschied von der Kindheit, es ist alles dasselbe: die individualgeschichtliche Wiederholung von Gottes Tod in der Welt. Irgendwann standen wir alle einmal an dem Punkt, wo uns blitzartig die Absurdität der Existenz eingeleuchtet ist.

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Life’s but a walking shadow

That struts and frets his hour upon the stage

And then is heard no more; it is a tale

Told by and idiot, full of sound and fury,

Signifying nothing. (Macbeth V/5)

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Da dämmert es: Das Selbstverständliche versteht sich im „Grunde“ nicht von selbst. Aber es muß doch ein Grund immer vorausgesetzt sein, wenn überhaupt etwas gelten soll, und man ahnt, daß man ihn nie „findet“, sondern immer erst wird… ‚setzen’ müssen. Es ahnt, daß unser’ Sach’ im „Grunde“ auf Nichts gestellt ist. In diesem Zustand waren wir der Wahrheit näher. Aber in dieser Wahrheit kann man die Existenz nicht bewältigen, sondern gerade mal ertragen, und auch das nur in einer Haltung, die die Romantiker Ironie genannt haben und aus der heraus die Welt gleichermaßen – und gleichzeitig – sowohl groß und bunt, als wüst und leer erscheint, und wo Weltschmerz und Übermut so dicht beieinander liegen, daß du sie kaum unterscheiden kannst.

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Überhaupt sind Ironie und transzendentaler Gedanke je nur die praktische und die theoretische Seite derselben Sache. Richtig fand daher Johann Fichte die Kinder durch ihren „leichten Sinn für das Zeitliche“ besonders disponiert für den kritischen Standpunkt. Zu Möglichkeitsmenschen taugen sie mehr als zu Wirklichkeitsmenschen, sie müssen über alles spotten und „können nichts ernstnehmen“. Das Kind muß unbedingt ironisches Kind sein, meint Novalis.

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Das Wissen der Wirklichkeitsmenschen ist positiv.

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Naiv die kleinen Kinder: Was ist, gilt. Oder was gilt, ist. Sie sind vorkritische Dogmatiker, oder Identitätsphilosophen.

Weltklug der mit den Wassern der Erfahrung gewaschne Erwachsene: Es gilt, was nützt; nämlich ins „Bedürfnis“ fällt.

Voll dazwischen liegt die Erleuchtung: Es gilt nur, was gelten soll. Und das liegt nicht an den Sachen selbst, sondern an mir.

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Wenn aber Sinn schlechthin kein Obiectivum ist, folgt ein böses Paradox. Denn andererseits schließen Sinn und Beliebigkeit einander aus. Ein Sinn, der nur zufällig wäre, ist sinnlos. Das ist das Schlimme an der Freiheit: Sie ist Wahl, die aber will begründet sein – und also notwendig. Ja, das Wahre wird nicht gefunden, sondern gemacht, ein poion,[11] und wird auch nicht bewiesen, sondern behauptet: Das wirkliche Wissen ist poietisch. Oder eben, nichts ist wahrer als der Schein. Aber er muß sich bewähren.

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Diese Erleuchtung läßt sich höchstens ironisch ertragen oder als Künstler, von einem Artefakt zum andern. Doch ist sie kein Standpunkt, auf dem man sich festsetzen und wo man das Leben einrichten kann. Werktags kann man daran eher den Verstand verlieren.

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Früher, als die bürgerliche Welt selber noch jung, und als ihr am Gewinnen noch mehr gelegen war als am Gewinn, gönnte sie sich als Verfremdung und Stachel eine utopische Insel, wo die Welt auf dem Kopf stand: Damals war, von der Romantik bis zum Wandervogel, „das Jugendalter“ Salz in der Wassersuppe der Vernunft. Das ist es nun nicht mehr. Stattdessen ist die Adoleszenz selbst zu Maß und Substanz postmoderner Positivität gediehen. „Jugendkultur“ ist nicht länger ein privilegierter Ort außerhalb, unterhalb der offiziellen Gesellschaft, sondern deren ubiquitäres Ingrediens. Natur, Gesundheit, Stoffwechsel, was bringt es mir und wie können wir damit umgehen: Die Jugend ist vergreist, die Zeit veraltet.

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Da nun der ‚Knabengeist’ (Huizinga) die Nische, wo er sich tummeln durfte, verloren hat, mußte er, da er eben aeternus ist, anderweitig unterkommen. Als Kiddie Kulture ist er zum Weltmarkt durchgebrochen. Da ist er nun nicht mehr außer- noch unterhalb und an und für sich, sondern voll dazwischen, und wühlt wie der alte Maulwurf.

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Badder

Moral sagt schlechthin nichts Bestimmtes. Sie ist

das Gewissen, eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar,

aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen.

Novalis

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Kindsein heiße Gut und Böse unterscheiden können, ohne nachdenken zu müssen, meinte Erich Kästner.

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Ja, aber immer nur, wenn es „sich zeigt“.

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Das moralische Lebensalter ist jenes, wo mit der Frage nach dem Grund der Moral der Unterschied aufblitzt zwischen Sitte und Sittlichkeit. Die eine ist positiv und bei sich, die andre ist ein Problem und nie am Ziel. Huck Finn weiß, daß es Sünde ist, einem entlaufenen Nigger auf der Flucht zu helfen, doch weiß er auch, daß er sündiger ist als die ehrbaren Leute, und will an sich arbeiten. (El Halladsch und andre Heilige predigten die Sünde geradewegs, denn die ärgste wäre es, Gott um das Privileg der Vergebung zu prellen.)

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Das Gute teilt mit den andern Transcendenta-lien[12] dies, daß es nicht ‚da ist’, sondern, als ewig unerledigte Aufgabe, ‚sich stellt’. Wer von mir ißt, hungert weiter; und wer von mir trinkt, dürstet weiter. (Jes.Sir. 2429) Ein unergründlich Jenseitiges, das sich nicht mehr fragen läßt nach woher und wozu. Wird es ‚realisiert’, verfällt es dem Mannigfaltigen und wird bedingt, also besser oder schlechter. Das Gute selbst aber „erscheint“ immer (wie sein Gegenteil) nur im Moment der Wahl, actu; als ‚das zu Wählende’.

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Aber es erscheint der Anschauung, nicht der Vorstellung, also intuitiv, nicht in Begriffen. Und es erscheint nur, sofern man es erwartet. Daher ist es nicht positiv, sondern problematisch. Das unterscheidet Moral und Moralität: wer die eine hat, braucht die andere nicht.

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Wer anfängt zu verstehen, versteht nichts mehr: Das Übergangsalter ist par excellence Zeitalter der Moralität, wenn nämlich das, was man weiß, schon nicht mehr selbstverständlich ist, aber das Stoffwechsel- ethos noch nicht genügend Zeit hatte, uns „zur Vernunft zu bringen“. Nicht vorher, nicht nachher unterscheiden wir radikaler zwischen gut und böse, und jeden Tag frisch als wärs zum erstenmal.

Von Michael Jackson hieß es, seine message sei belanglos gefällig. Ja, sein Finger weist auf keinen andern, er klagt, aber klagt nicht an: Er nennt kein Lager, auf dem der Snob sich niederlassen könnte. Er politisiert nicht, er moralisiert. Wer sonst kann sich Sätze leisten wie: We’re takin‘ over, we have the truth, the final message we bring to you… Und ein Stück weiter: I’m starting with the man in the mirror, I’m asking him to change his ways. Ein naive Moral, allerdings, doch Erfahrung hat in der Moral nichts verloren. Und eine simple Moral. Das Leben ist kompliziert. Also wird eine Moral, die meinen Weg erleuchtet, einfach sein: I’m starting with me.

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Take a look at yourself and make that change – tiefer sind, soweit ich weiß, die Philosophen seit Plato auch nicht gedrungen. Und wäre Moralität nicht lebensfremd – wo bliebe die Aufgabe, die ‚sich stellt’? Moralität verfremdet das Leben, nur dazu taugt sie. Sie ist nicht positiv, sondern problematisch. Sie ist nicht dienlich, sondern unfügig. Sie ist nicht natürlich, sondern künstlich. Ästhetik und Ethik sind, nach Wittgenstein, eins. Kunst und Moralität sind nicht dazu da, uns in Sicherheit zu wiegen, sondern um zu verstören. Kunst bringt, nach Karl Kraus, das Leben in Unordnung.

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Daß es die Musik von Michael Jackson war, in der mehr als irgend sonst das Lebensgefühl des Übergangsalters seinen Ausdruck fand, hat seinen eigenen – ästhetischen Grund. (Das Reinästhetische gibt es gar nicht.) Diese Musik unterscheidet sich von allem, was sonst nach vier Jahrzehnten so vom Rock’n’Roll übrigbleibt. Es klirrt und knallt, aber es dröhnt nicht. Ein Geflecht aus Linien und Punkten, kein flächiger Brei, scharfe Peitschenhiebe, nicht die stampfende Dampframme, denn will die Rhythmik ‚schweben’, muß der Klangraum durchsichtig sein. (Seine Stimme selbst ist so ein dünner Faden.) Es ist Musik, die weckt, aufhetzt und anspannt; doch nicht erschöpft und betäubt. Es ist Anti-Dröhnungsmusik, Anti-Nirvana-Musik, No-Dope-Musik. Sie will uns vor der ravenden Gesellschaft retten. Eine apollinische Figur löst sich aus einem dionysischen Grund.

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Das Erweckungspathos, das in Jacksons Auftritten immer mitgeklungen hat, tritt nun, nach seinem ‚Fall’, ganz hervor. Wo aber das Lied des Sängers die Grenzen zum Kitsch übertritt, da dementieren die Posen und Schritte des Tänzers mit unnachahmlicher Komik. Ist es ihm etwa nicht ernst? Doch. Dieser Unernst ist ernstgemeint. Er ist ein Clown, allerdings.

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Einer der ganz Großen. Man lacht als ob man heult.

Jackson ist ein großer Romantiker. Nämlich ein genialer Mystifikator. Genial, denn er mystifiziert sich und die Welt, und sie bekommt einen anderen Sinn: Romantisieren heißt dem Leben ein Geheimnis zuschreiben. (Der Mythus ist wahrer als eine beliebige Tatsache.)

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ein Held unserer Zeit

Du bist ja, mein fürstlicher Reiter,

ein Kobold von zaubrischer Kraft:

Der Puppenspieler der Sterne

erbebt vor dem Spiel deiner Hand

voll funkelnder Finten – o sag, was

vermag ich, ich machtloser Mann?

Hafis

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Wenn das Leben wieder zum Geheimnis wird, wenn es wieder nichts hat, worauf es ruhen und woran es sich halten kann, dann kann wieder „alles auch ganz anders sein“. Die Sinn- und Werturteile liegen nämlich genetisch (nicht ‚logisch’) vor den Seinsurteilen. Wird die moralische Ordnung problematisch, dann ist es der Unterschied zwischen real und irreal bald auch. „Sinnkrise“ und „Werteverfall“ unken dann die Nutznießer des Status quo ante.

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Und wirklich ist der konstitutive Wert der bürgerlichen Gesellschaft im Begriff zu „zerfallen“: Wir sind Zeugen einer fortschreitenden Obsoleszenz des sogenannten Wertgesetzes. In der hochtechnologisierten Industrie unserer Tage tritt – auf Kosten der (meßbaren) physischen Arbeit, die an die Maschinen übergeht – die eigentlich produktive, nämlich inventive ‚geistige’ Tätigkeit immer weiter in den Vordergrund.[13] Geistige Arbeit wird aber, wie Karl Marx vermerkte, grundsätzlich ‚unter ihrem Wert’ bezahlt. Der realisierbare Wert bemißt sich nicht an der Arbeitszeit, die gestern für die Herstellung einer Sache aufgewandt wurde, sondern daran, wieviel Arbeitszeit heute notwendig ware, sie wiederherzustellen. Doch was es kostet, eine einmal gewonnene Erkenntnis nach-zudenken, steht in gar keinem Verhältnis zu dem Aufwand, der nötig war, sie zu erfinden. Die Sätze des Euklid brauchten viele tausend Jahre, um zu reifen; aber ein Schulbub lernt sie in einer halben Stunde… Was bedeutet: Mit dem Wachstum der Kultur – der Verschiebung des spezifischen Gewichts von der ausführenden Arbeit zur inventiven – wird das ‚Wertgesetz’ nach und nach hinfällig. Die quantitativen Bestimmungen, die meßbaren Eigenschaften ‚an’ den Dingen verlieren an Bedeutung.

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Denn notwendig ist das Messen nur unter Voraussetzung des Mangels; wenn es knappe Ressourcen zu verteilen gilt. Ressourcen, die zwar knapp, aber auch regelmäßig durch (physische) Arbeit reproduzierbar sind, werden zweckmäßigerweise an – ebendieser physischen Arbeit gemessen; nämlich sofern jene selber eine (grundsätzlich) knappe Ressource ist. Wenn all diese Prämissen zutreffen, dann ist die Arbeit „Maß und Substanz des Wertes“ (Marx), und dann ‚gilt das Wertgesetz’. Doch wenn nicht, dann nicht.

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Die wichtigste Prämisse aber, daß nämlich das gesellschaftliche Leben in ausschlaggebender Weise vom Mangel an durch Arbeit reproduzierbaren Ressourcen bestimmt wäre, trifft in den westlichen Ländern nur noch bedingt zu. Auf weiten Strecken ist vielmehr Überfluß das dringlichere Problem; ein struktureller Überfluß an lebendiger Arbeit zum Beispiel. Auf der andern Seite wächst die Nachfrage nach Unnötigem, das „zu nichts nütze“ ist. Was ‚wert’ ist oder nicht, läßt sich fortan nicht länger messen. Man wird es (wieder) ‚setzen’ müssen. Die Welt hört auch ökonomisch auf, positiv zu sein, und wird problematisch. Kiddie Kulture ist der Schrittmacher.

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Ein Zyklus unserer Zivilisationsgeschichte schließt sich. Vor zehntausend Jahren begann im Jordantal mit dem Übergang zum Getreidebau die Domestikation der Gattung Mensch. Ein relativer Überschuß wurde zur Kulturkonstante, der sich akkumulieren und berechnen ließ. Es begann die Bevölkerungsexplosion, der Kampf um die Verteilung, die Klassenspaltung und das Elend der großen Masse. Mehr oder Weniger wurde zur Grundfrage der menschlichen Existenz; vermessen und zerteilen. Bedürfnis und Arbeit, besoin und besogne wurden zur dialektischen Grundbestimmung des Menschlichen schlechthin. Es entstand die Wirtschaftsgesellschaft.

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Der Wert, den wir den Dingen zuschreiben, emanzipiert sich unter unsern Augen von der ‚notwendigen Arbeit’ (die die Maschinen tun). Mit Überflüssigem läßt sich genauso Geld machen wie mit Knappem. Kunst und Spiel drängen sich kühn an Arbeit und Bedürfnis heran, und während jene rückwärts weisen, zeigen sie nach vorn. Die Wirtschaftsgesellschaft veraltet. Die zehntausendjährige Geschichte unserer Domestikation neigt sich zu ihrem Ende. Die Freiheit meldet sich zurück.

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Mehr und mehr greift ein Lebensgefühl platz, das nicht ‚neu’, sondern „schon immer da“ gewesen ist. Nur war es unterm Wertgesetz verfemt und verfolgt. Es war das Unnütze, das Unltige, der Unfug an sich. Als Kiddie Kulture ist es schon zur kommerziellen Großmacht geworden – durch Michael Jackson vor allen andern. Über den Weltmarkt bricht es zu allgemeiner Geltung durch, so wie überhaupt die Ungewißheit Einzug hält ins Selbstverständnis der Zeit.[14] Lange konnte das nicht so weitergehen. Die Positiven, die Plattharmonischen, doch auch die lukrativ kritischen Poseure und wer sonst noch schon immer mit sich im Reinen war, sie würden nicht ewig stillhalten. Etwas mußte geschehen; dieser Skandal war fällig.

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Und doch kam er wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Denn das Sensationelle von Jacksons Aufstieg lag wie ein Schleier über dessen Tiefendimension. Zuviel Erfolg ruft die Snobs auf den Plan, die ihre neidgelben Nebel ins Land blasen. „Ein musikalischer Neuerer ist er nicht“, sagte zum Beispiel Miles Davis, der selber stets im Trend lag. So sind viele, auch Verf. dieses, erst durch das Maßlose einer nach Materialeinsatz und Grad der Gemeinheit einzigartigen Medienkampagne auf Michael Jackson aufmerksam geworden. Wir haben ihn nicht genügend ernstgenommen.

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Die öffentliche Treibjagd um den Planeten bliebe ja ganz unbegreiflich, wäre es da nur um einen Showman gegangen. Wenn er nicht wirklich, außer sich „selbst“, noch ein Anderes darstellen würde: Jacko, Magical Child, Puer aeternus – Homo ludens in Siegerpose.

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Es bedurfte der Exorbitanz jener schamlosen Orgie, um die Exorbitanz dieser Karriere an den Tag zu bringen. Man muß es ruhig bedenken: Mit Sicherheit war nie ein Sterblicher vor ihm in der Welt so bekannt. Noch der letzte indische Reisbauer weiß seinen Namen und macht sich, so oder so, von ihm ein Bild. Jeder kennt ihn, und keiner ist völlig unberührt. Jeder kann sagen, ob er ihn mag oder nicht. Und wer nicht direkt für oder direkt gegen ihn ist, der hat zum Mindesten ein zwiespältiges Gefühl – eines, das man gemeinhin ein ungutes nennt. So vertraut uns nämlich der kleine Michael begegnete, so sehr befremdet der große Jacko. Er redet in bewegten Bildern. Er ist, in vollendeter Grazie, ein hyperkinetisches Fragezeichen. Er ist die Vieldeutigkeit als ganze Gestalt.

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Zu solchem Ausbruch von Niedertracht konnte es nicht kommen, hätte da nicht schon lange etwas geschwelt; hätte nicht sein Erscheinen an etwas Verborgenem gerührt. Im domestizierten Mann steckt ein Kind, und das will spielen. Michael-Jacko ruft und lockt es hervor. Er macht eine Wertordnung wanken, das Wertesystem der Wirtschaftsgesellschaft: ein guter Mensch mit einem Kinderherz; zweideutig, komisch ernst, sentimental und zynisch, ironisch, bizarr, mutwillig, rastlos und schrecklich laut. Es ist wirklich wahr: Wie Peter Pan wurde er nie erwachsen – und hat es dabei zum Milliardär gebracht! Wenn er so weitermacht, wird sein Lärm noch zum Abgesang auf die Positivität dieser Welt.

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Der Jacko-Effekt, das ist ein spielendes Kind, das die behext, die ihm zusehen. Würden in ihm nur die Kinder sich selber feiern, so wäre das, so viele es immer sind, doch halb so wild. Aber er macht mit der Zeit auch die Großen schwach. Je länger es währt, um so klarer erkennen wir an ihm wieder, was wir im Zuge unseres Erwachsenwerdens verloren gaben; erst peinlich berührt, als ertappten wir uns bei einem altvertrauten Laster, dann nachsichtiger, und schließich unter Tränen.[15]

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Kulturkampf


Wer lebt wie die Kinder, also nicht um sein Brotkämpft und nicht glaubt, daß seinen Handlungen eineendgültige Bedeutung zukommt, bleibt kindlich.

Nietzsche

Michael is back, titelt Deutschlands größte Jugendzeitschrift: „wie Phönix aus der Asche!“ Die Leser der BRAVO wählen ihn nach seinem ‚Fall‘ erneut zu ihrer Nummer Eins, triumphaler denn je, und auch das Konkurrenzblatt POP/Rocky, das ihn im Vorjahr mit Platz zwei beschämt hatte, setzt ihn jetzt an die Spitze. Die Botschaft ist klar und lautet Nun erst recht.

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.Vorher war „nichts dabei“, Michael-Jackson-Fan zu sein. Es war reine Geschmackssache. Jetzt ist etwas dabei. Das Bekenntnis zu Michael bekommt eine moralische Dimension. Sie haben millionenfach in aller Welt an seiner schlimmsten Prüfung teilgehabt. Es heißt, er habe gezittert und geheult. Das haben wir auch. Vorher hatten sie ein Verhältnis, jetzt haben sie einen Pakt. Kein Star hat sich verborgen gehalten wie er, aber keinem konnte man so nahe kommen: just another part of me.

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Seine Verfolgung gibt der Legende eine alttestamentarische, messianische Aura und erinnert uns an den Sänger und Hirtenjungen, der ein König werden sollte: Als nun der Philister aufsah und David anschaute, verachtete er ihn; denn er war noch jung, und er war bräunlich und schön. (1. Sam. 1742)

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Um zu bleiben, wer er ist und was er ist, muß er sich jetzt überbieten. Die Erwartung ist hoch. Nach Thriller, Bad und Dangerous blieb als Steigerung ohnehin nur noch Innocent. Der Kult hat jetzt, was ihm vorher fehlte, eine Tendenz, und wird doch noch ‚politisch’. Innocent until proof of guilt heißt hier soviel wie „Erstens hat er nicht, und zweitens wär es uns egal“. Es ist die kaum chiffrierte Losung einer Revolte aus Treue und Trotz, und lautet unverschlüsselt „Wovor wir uns zu schützen haben, das wissen wir besser“. Ein weltweiter Aufruhr des Taschengelds gegen die Sex-and-Crime-Industrie unterm Tarnnamen Kinderschutz. Gegen die Schreckensherrschaft der Pornographen bildet sich da eine neue Jugendbewegung.

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Daß die Firma Jackson&Family Inc. immer mitverdient, ist keine äußere Verunreinigung, sondern gehört zur Sache selbst. Ohne das wär es nicht authentisch. Kiddie Kulture ist keine spontane Kreation der Kinder, sondern bezeichnet genau den Grad ihrer Teilhabe – Nehmen und Geben – am allgemeinen Reichtum. Darum ist sie Stoff zu einer Kulturrevolution, weil sie auf dem Weltmarkt gilt.

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Elvis Presley und die Beatles waren die Krönung ihres Genres. Michael Jackson ist selbst das Genre. Das hat ihn zum Rückgrat von Kiddie Kulture gemacht, und wie weit deren Beitrag zu unserer Kulturgeschichte trägt, hängt nicht zuletzt daran, ob er seinen Siegeszug durch die Charts fortsetzen kann. (In einem Land, wo der Zwiespalt zum Nationalcharakter gehört, sollte das ja möglich sein.) Wenn nicht, dann hat der Philister David doch noch erwischt, und es kommen Zeiten auf uns zu, dagegen waren die Adenauerjahre wie Karneval in Rio.

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Es rauscht in den Bakabäumen. Michael Jackson ist ein Zeichen. An ihm erweist sich, wer von uns im Herzen kindlich geblieben ist.


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Die andern soll der Teufel holen.

Antoine Mercié, David

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im Spätsommer 1994


[1] Musik, die nicht unterhält, ist nicht gut, sondern langweilig, meint Rolf Liebermann.

[2] Der Beweis? Michael ist nicht imitierbar.

[3] „Gesund“ heißt der Gegenpol.

[4] Es gibt Autoren, die diese Auffassung auch K. Marx nachsagen; sie verwechseln die Politische Ökonomie mit deren Kritik. Für Marx ist der Reichtum das Treibmittel der Freiheit, nicht der Mangel.

[5] Der Mensch ist, was er ißt, hieß Ludwig Feuerbachs Programmlosung.

[6] Verweiblichung, würde O. Weininger sagen

[7] das Naive: „jenes völlige Verschlungensein in die Schönheit des Scheins“ (Nietzsche)

[8] Freilich taucht es als fuzzy logic ausgerechnet in der High-Technology neuerdings wieder auf…

[9] Das macht übrigens den Kitsch aus: wenn die Bilder ihre Deutung selber mitbringen.

[10] aus demselben Stamm wie ‚wissen’

[11] gr. poion (=lat. quale) hat, wie ich inzwischen weiß, eine andere Wurzeln als poiein

(=ponere); aber hübsch wär’s gewesen. [Nachtrag]

[12] unum, bonum, verum, pulchrum: die vier Ansichten ‚des Absoluten’

[13] Es ist ein Mißverständnis, daß in der Kritik der politischen Ökonomie die ‚Formseite’ die ‚Stoffseite’ überwöge; das Gegenteil ist der Fall, insofern ist sie nämlich Kritik.

[14] „Risikogesellschaft“ heißt das Modewort…

[15] Die (garnicht seltenen) erwachsenen Jacko-Fans sind es typischerweise – heimlich. Er befremdet nur zum Schein. In Wahrheit haben wir ihn früher schon gekannt.


Eine Antwort to “Der Jacko-Effekt”

  1. […] Der Jacko-Effekt […]

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