Das große Idol als Illusion

•November 4, 2009 • Kommentar schreiben
aus: Stuttgarter Zeitung, 4. 11. 09


Stuttgart – Michael Jackson hat der Welt ein reiches Erbe hinterlassen. Die Gesten und Schritte, das Outfit, die Stimme, die Songs des früh verstorbenen Superstars – jeder erkennt diese Markenzeichen auf Anhieb. Jackson war zeitlebens weit mehr Ikone als Person, der Mensch Jackson löste sich nahezu vollständig auf in seiner Inszenierung, die Brüche, die sichtbar wurden, sorgten nicht selten für Bestürzung.
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Seine Fans wollen ihn in bester Erinnerung behalten – und erhielten dazu am Dienstagabend in der Stuttgarter Porsche-Arena überzeugende Gelegenheit. Dort war die Bühnenfigur Michael Jackson zu Gast – „King of Pop“ heißt die Live-Show, die so nah am Original ist, dass sie, glaubt man den Gerüchten, selbst Dieter Bohlen überzeugte.

Dieser „Tribute to Michael Jackson“ zeigt die glänzende Seite des Idols in all ihrer Pracht, die außerordentliche Energie, den unverwechselbaren Stil, für den Michael Jackson bekannt war, seine Kostüme, seine Choreografien. Allerdings: Kopiert voller Hingabe, mit Tänzern, die teils mit Jackson selbst auf der Bühne standen, mit einer Band, die die Songs mit bravouröser Schärfe spielt, lockte der wieder auferstandene Jackson dennoch keine wirklich große Zuschauermenge an. 2000 Fans kamen in die Porsche-Arena – für mehr als doppelt so viele wäre Platz gewesen.

Bei jenen, die gekommen waren, handelte es sich jedoch zweifelsfrei um begeisterte Verehrer Jacksons – dieses Publikum blieb nicht auf den Stühlen, dieses Publikum sprang auf und klatschte den Rhythmus zu den großen Songs, von denen natürlich keiner fehlte, im Programm: „I wanna be starting something“, früh am Abend, nach einem Jam der Band, „Another part of me“ dann „Smooth Criminal“.

Giuseppe Ruisi wechselt sich während der Tournee der Jackson-Show ab mit Earnest Valentino. In Stuttgart ist es Ruisi, der in die Rolle Jackos schlüpft – die schwarzen Locken fallen ihm ins bleiche Gesicht, das blaue, offene Hemd flattert um den Körper, der sich in den nächsten präzise kalkulierten Tanzschritt wirft, ein zitterndes Bein, voller Spannung, ein Zeigefinger, der nervös in die Luft sticht, hinaus ins Publikum. Guiseppe – oder ist es Michael? – steht am Rand der Bühne, stößt die hellen, kurzen Jackson-Schreie aus, tanzt, jeder Muskel an ihm ist in rhythmischer Bewegung. Auf der Leinwand hinter ihm flackert eine einsame Kerze vor einem Himmel voller Sterne.

Zu Ruisis Begleitern gehört die Thriller Band, seit 2003 auf Tournee und bekannt als erste Jackson-Cover-Band der Welt – Studiomusiker, die alle bereits mit großen Interpreten der schwarzen Musik spielten und die nun die Musik des größten aller Motown-Stars wieder frisch auf die Bühne bringen. Die Illusion ist in der Tat perfekt, die Hommage vollkommen.

Anderthalb Stunden dauert der Traum. Die Fans lieben Michael Jacksons unsterbliches Bild, das Bild liebt sie zurück und ruft es ihnen zu: „Heal the World“ heißt die Zugabe.

Thomas Morawitzky

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Also ich kann mir nicht helfen – ich finde, man sieht schon auf den Fotos, dass es ein Imitator ist und nicht der Echte. Wie’s auf der Bühne wirkt, will ich schon gar nicht mehr wissen…

Jackson-Film Nr. 1 in USA: Spielzeit verlängert

•November 2, 2009 • Kommentar schreiben

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aus: ZEITonline, 2. 11. 09

New York (dpa) – Der Michael-Jackson-Film «This Is It» hat in den ersten fünf Tagen weltweit mehr als 100 Millionen Dollar eingespielt. Die 60 Millionen Dollar, die der Sony-Konzern für den Ankauf der Dokumentarmaterials gezahlt hat, sind damit bereits locker wieder hereingekommen. Das Studio kündigte an, die ursprünglich auf zwei Wochen begrenzte Spielzeit zu verlängern. In den USA soll der Film bis Thanksgiving Ende November laufen. Im Ausland sind unterschiedliche Verlängerungen geplant.

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Nein, hätten Sie das für möglich gehalten?! Da haben sie doch tatsächlich die Spielzeit verlängert; owohl sie uns vorher versichert haben: nur vierzehn Tage, this is it!

Mit MJ erlebt man doch immer noch alle Tage eine Überraschung…

Der Verriss der London Times.

•Oktober 31, 2009 • Kommentar schreiben

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aus: Times, 29. 10. 09

As a corporate act of damage limitation, the Michael Jackson concert film This Is It is appropriately engineered as an occasionally inspired but mostly neutral movie-going experience.

Here Jackson’s concert promoters AEG Live, denied an expected $450 million (£275.6 million) payday from the tour that never happened, have joined forces with Sony Pictures (who threw $60 million at the project), and selflessly cobbled together some rehearsal footage from earlier this year to produce, according to the marketing honchos, both a testament to Jackson’s talents and a heart-stirring gift for ‘the fans’.

The results, contrary to the recent slightly overzealous Twitter from Elizabeth Taylor (“the single most brilliant piece of filmmaking I have ever seen”), are middling.

Which is not to say that the singer’s genius is ever in doubt. From the start, as we ease into the format of Jackson rehearsing on stage at the Staples Centre in LA, shot mostly from two different cameras – one crisp, one fuzzy – we are continually reminded of his sheer artistic legacy.

Songs from across the eras, from Wanna Be Starting Something through to They Don’t Really Care About Us, burst to life with a wanton percussive energy. While even when standing still Jackson has the charismatic mien of an instinctive dancer, one whose body posture suggests that a rhythmic leg-twist, a head-nod, or a hip-flick is only seconds away.

For this alone the movie will be worth it for some devotees who, like the dance troupe and backing band interviewed in the film’s interstitial bites, will be happy simply to witness Jackson in action with such intimacy.

And yet, concert movies are strange beasts to master. Recent efforts, such as The Rolling Stones’ Shine a Light or The Jonas Brothers’ 3D Concert Experience, have strained to bridge that odd emotional disconnect created by transforming a spontaneous live event into a safely packaged 90-minute movie.

With This Is It the crisis is even more pronounced – there is no cheering audience and no rapport, while Jackson himself, claiming to be preserving his vocal cords, occasionally avoids singing altogether.

Director Kenny Ortega, a lifelong Jackson collaborator, gamely overcomes these limitations in the first half of the movie, regularly jamming in special effects footage and dance rehearsals into the obvious on-stage lacunae (one sequence includes footage of Jackson interacting with Rita Hayworth and Humphrey Bogart in a package prepared for the show’s Smooth Criminal routine).

But by the second half, the lag begins to set in, and Jackson paces through versions of Billy Jean and Beat It that might, in a genuine concert, have been highlights.

In these scenes, unprotected by fast cutaways or the dizzying whirl of a dance routine, Jackson is often exposed. Painfully thin and seemingly fragile, like a skeletal marionette, he speaks in strange rambling sentences – about love (“L-o-v-e,” he repeatedly spells) and environmentalism – which could be the sacred voice of his inner child or the results of heavy-duty doses of propofol. Either way, it’s a strange and ultimately underwhelming way to say goodbye to a troubled, talented performer.

Jackson-Fans im Wechselbad der Gefühle

•Oktober 31, 2009 • Kommentar schreiben

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aus: Die Welt, 29. 10. 09

Filmpremiere: „This Is It“ stürzt Jackson-Fans in Wechselbad der Gefühle


Von Soo Youn

Die Premiere des Films „This Is It“ über die Proben zu den geplanten Comeback-Konzerten von Michael Jackson hat weltweit tausende Menschen bewegt. Zahlreiche Prominente und Fans feierten in Kinosälen auf der ganzen Welt. Viele weinten, nachdem sie das dokumentarische Vermächtnis des „King of Pop“ gesehen hatten.

In langem Silbermantel haucht er den Refrain von „Human Nature“ ins Mikro, zu „The Way You Make Me Feel“ wirbelt er mit blauer Jacke über die Bühne. Immer wieder bricht er ab, beginnt erneut, will die Songs perfekt einstudieren. Der Film „This Is It“, der in der Nacht zu Mittwoch weltweit Premiere feierte, zeigt einen fitten, hart arbeitenden Michael Jackson bei den Proben für seine Comeback-Show. Tänzer und Background-Sänger geben ihr Bestes, um die Shows einzigartig und unvergesslich zu machen. Doch kurz vor dem geplanten Beginn der Konzertreihe starb die Pop-Ikone – die Fans können nun bei „This Is It“ ihr Idol noch einmal feiern und Abschied nehmen.

Euphorie, Liebe und grenzenlose Trauer – kaum ein Gefühl, das die Fans nach dem Film, der simultan in 18 Kinos auf fünf Kontinenten Premiere feierte, nicht verspüren. Manch einer kann es kaum in Worte fassen, schwankt zwischen Freude, dass es Jackson gab und Schmerz, dass er nicht mehr ist. „Er ist perfekt. Wie er tanzt, wie er singt, einfach Wahnsinn“, sagt ein Mann nach der Premiere in Paris mit einem Lächeln. „Wirklich, mir fehlen die Worte. Ich gehe jetzt tanzen und werde es ganz genauso machen.“ Ein anderer Fan mit weißem Hut weigert sich, in der Vergangenheitsform von seienm Idol zu sprechen. „Er hat es in seiner Seele. Und ich sage ’er hat’, denn so ein Künstler stirbt nie.“

Die zentrale Premierenfeier fand in Los Angeles im Nokia Theater im Beisein von Jacksons vier Brüdern statt. Vor den Augen hunderter Fans zogen Prominente wie die Will Smith, Jennifer Love Hewitt, Jennifer Lopez, Paula Abdul und Paris Hilton in den Kinosaal. Tänzer Shannon Holtzapffel, der bei den Proben zur „This Is It“-Show gemeinsam mit Jackson getanzt hatte, sah den Film mit gemischten Gefühlen. Er bezweifelt, dass es dem erklärten Perfektionisten Jackson gefallen hätte, dass seine Fans Rohmaterial der Shows statt der Endversion sehen. „Aber er wird trotzdem zu uns hinabschauen und lächeln.“

Auch Jacksons ehemaliger Manager Frank DiLeo kann die Aura des im Alter von 50 Jahren verstorbenen Sängers geradezu spüren. „Er ist glücklich. Man spürt, wie er hier durch die Luft wirbelt.“ DiLeo gestand, er habe den Film bisher dreimal gesehen und jedesmal geweint. „Aber heute Nacht weinen wir nicht, heute feiern wir Michael.“

Auch im Berliner Sony Center griffen die Fans beim Wiedersehen mit ihrem Star zum Taschentuch. „Wir sehen ihn in seiner gesamten Kraft. Er tanzt wie ein junger Gott. Er singt wie ein junger Gott“, sagt Schauspielerin Lisa Martinek. „Ich bin gerührt.“ Freilich überwiegt bei einigen das Bedauern, die bereits erstandenen Konzertkarten nun nicht mehr einlösen zu können. „Ich hätte die Show lieber live in London gesehen, mit einem lebendigen Michael“, gibt der stellvertretende „Bravo“-Chefredakteur Alex Gernandt zu.

„This Is It“ wurde zeitgleich in Kinos in Nordamerika, Südamerika, Europa, Afrika und Asien übertragen. Zahllose Fans gingen in London, Peking oder Paris in Kostümen ihres Idols ins Kino, vielen Premieren folgten spontane Tanzeinlagen auf der Straße. Ob nun Trauer oder Glück überwogen – einig waren sich die Fans rund um den Globus, dass die Konzerte unvergesslich geworden wären. „Das wäre ein Wahnsinnsspektakel geworden“, glaubt ein Fan in Paris. Ein anderer sagt wehmütig: „Er hatte noch so viel zu geben.“

The Pop Spectacular That Almost Was

•Oktober 30, 2009 • Kommentar schreiben

Le Grand Rex, Paris

from New York Times, 29. 10. 09

By MANOHLA DARGIS
Published: October 29, 2009

Death returned Michael Jackson’s humanity, and in a curious, tentative way so too does “Michael Jackson’s This Is It,” a rushed and ragged monument to the man, his work and the commercial interests of those he left behind. At once a greatest-hits compendium and a suggestive glance at what might have been, the movie — which had its premiere Tuesday and opened Wednesday on a staggering 18,000 screens worldwide — has been so nakedly designed to serve so many different agendas that it seemed unlikely anything would be left for Mr. Jackson’s fans beyond the sheer spectacle of such colossal posthumous exploitation.

Yet something remains here, though it’s hard to know whether it’s the ghost or our love, perhaps both. Whatever the case, the on-screen results are weird and watchable, by turns frustrating and entertaining, and predictably a little morbid. Directed by Kenny Ortega, the movie has been stitched together from more than 100 hours of taped rehearsals for the 50-concert comeback tour that he and Mr. Jackson were creating together when the singer died in June after a drug overdose. Mr. Ortega, working with four editors (Don Brochu, Brandon Key, Tim Patterson and Kevin Stitt), has punched the material into classic behind-the-scenes documentary shape, complete with teary testimonials from the show’s demonstrably wowed dancers, the occasional impromptu moment and plenty of canned sentiment.

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Premiere in Bogotá

The movie opens, after a bit of scrolling text, on a worshipful note, with a number of the concert dancers weeping and excitedly talking into the camera about the gig and their love for (the still living) Mr. Jackson. It’s an easy way into the material, but it’s also smart, partly because these tears help prime the audience’s pump. The testimonials add to the overall deification that comes with any larger-than-life star production. But more important, they instantly invest some authentic feeling into a project (product) that has seemed devoid of soul from the minute it was announced. With their wet cheeks and halting words, these visibly moved young men and women are the sobbing, yearning embodiment of fan love.

It doesn’t take long to remember why Mr. Jackson inspired that love. First, though, you have to wade through a somewhat baffling montage featuring Lady Diana, Mother Teresa and President Obama, among others, a preposterous lineup that serves as something of a warm-up act for Mr. Jackson himself, who initially appears among an excited throng to announce the concert that never was. Happily, the moviemakers come down to earth (or as much as might be expected with Mr. Jackson onboard) for the subsequent rehearsals, which are regularly interspersed, or more rightly padded, with interview snippets featuring musicians, singers, choreographers and costume designers. Mr. Jackson’s family members are conspicuous by their absence, his brothers, father and mother invoked in name only.

The rehearsals draw heavily from Mr. Jackson’s older hits, notably from the 1982 album “Thriller,” beginning with “Wanna Be Startin’ Somethin’ ” and moving through “Human Nature,” “Thriller,” “Beat It” and “Billie Jean.” Some of these are accompanied by elaborate minimovies, some shot with special effects, including 3-D. The wittiest — a black-and-white Hollywood homage set to “Smooth Criminal” and probably inspired by the “Girl Hunt” ballet in the 1953 Vincente Minnelli musical “The Band Wagon” — features Mr. Jackson wearing a white pinstripe suit and interacting with Rita Hayworth (she tosses him her black glove from “Gilda”) and Humphrey Bogart (who, looking up from a kiss, throws him a scowl). As amusing as this number is, it pales alongside those moments when Mr. Jackson drops the pyrotechnics and just appears onstage alone.

Though shot in high definition, the visuals are generally soft, almost smudged, without the sharp edges you expect with HD. The softening effect most obviously benefits Mr. Jackson, who’s rarely seen in close-up and instead usually appears head to toe, energetically dancing, strutting, marching, moonwalking and sometimes understandably panting across the stage. This distanced vantage robs the curious of a chance to scrutinize that famous face, to unkindly survey the damage, but it also gives you the space to admire his liquid moves as he slips and slides and glides. That’s especially important because Mr. Jackson, who after all is in the midst of complex rehearsals he’s helping coordinate, doesn’t often let loose vocally because he’s conserving his voice (as he sometimes mentions) or can no longer roam around the higher registers.

Mr. Ortega has described the material in “This Is It” (the title is shared by the concert and the accompanying CD) as “honest, raw, unguarded, right up until the day he died.” Well, as honest as a carefully packaged, multiplatform pseudo-event like this one can be, anyway. Truthfully, it is hard to imagine a supernova like Mr. Jackson, in particular one who grew up so publicly and at times pathetically, sharing anything honest, much less raw, on camera, either because he won’t or he can’t. In the end, all you can expect from such manufactured lives — and perhaps all that we’re really due — are glimmers of the figure left amid the fractured and distorting funhouse mirrors. Every so often, with a shy smile, a few soft words, a direction to the musicians, a thank-you, Mr. Jackson offers you such a glimmer.

Premiere in  Peking

“This Is It” is rated PG (Parental guidance suggested). Yet another baffling rating: the movie is squeaky clean, with Mr. Jackson repeatedly professing his love for everyone and, you know, grabbing his crotch a few times.

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MICHAEL JACKSON’S THIS IS IT

Opened on Wednesday nationwide.

Directed by Kenny Ortega; concert production created by Michael Jackson and Mr. Ortega; directors of photography, Tim Patterson and Sandrine Orabona; edited by Don Brochu, Brandon Key, Mr. Patterson and Kevin Stitt; music by Michael Bearden; choreography by Mr. Jackson and Travis Payne; production designer, Michael Cotten; produced by Randy Phillips, Mr. Ortega and Paul Gongaware; released by Columbia Pictures. Running time: 1 hour 51 minutes.

Berlin

Ein musikalisches Denkmal

•Oktober 30, 2009 • Kommentar schreiben
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aus: Südkurier, 30.10.2009

Selbstredend ist es politisch in höchstem Maße unkorrekt, diesen Film zu genießen, sich zu begeistern für die Musik und die Bühnenchoreografie, ein letztes Mal jenen Mann zu bewundern, den alle Welt Jahrzehnte lang als „King of Pop“ verehrt hat.

Flapsig könnte man den Titel „This Is It“ mit „Das war’s“ übersetzen, aber das wäre weder angemessen noch endgültig genug.

„This Is It“: Das ist kein spielerisches „Ich bin dann mal weg“, denn wer „mal weg“ ist, kommt ja wieder. Michael Jackson aber kehrt nie mehr zurück. Dabei sollte ausgerechnet die Konzertreihe „This Is It“ sein triumphales Comeback bedeuten. Danach wäre dann, wie er auf seiner letzten Pressekonferenz angekündigt hat, der letzte Vorhang gefallen.

Ist dieser Film von Kenny Ortega, der die Proben für die fünfzig vertraglich vereinbarten Auftritte in der Londoner O2-Arena dokumentiert, auch nur halbwegs authentisch, wäre es in der Tat ein Ereignis geworden, zu dem Fans aus aller Welt gepilgert wären.

Es ist anders gekommen, wie man weiß; wenige Tage vor der Premiere ist Michael Jackson an einem Cocktail aus Narkose- und Aufputschmitteln gestorben. Er soll zuletzt ein Wrack gewesen sein, psychisch wie physisch: gepeinigt von Wahnvorstellungen und Paranoia, abgemagert zum Skelett und nie im Leben in der Lage, auch nur ein Konzert durchzustehen; geschweige denn fünfzig.

Selbstredend zeigt der Film, der mit weit über 900 Kopien in die deutschen Kinos kommt, ein völlig anderes Bild; und natürlich soll er dazu beitragen, dass der Konzertveranstalter, die Anschutz Entertainment Group, seine Investitionen nicht komplett zum Fenster rausgeworfen hat. „This Is It“ ist also ein pures Spekulationsobjekt, innerhalb weniger Monate produziert, um den Tod des Superstars möglichst gewinnbringend auszuschlachten.

Auch die Konzertreihe war ja keine Herzensangelegenheit, sondern sollte vor allem dazu beitragen, Jacksons horrenden Schuldenberg abzutragen. Und deshalb ist es nicht in Ordnung, sich von diesem Film mitreißen zu lassen.

Aber man kann nicht anders.

„This Is It“ zeigt Jackson auf der Höhe seines Ruhms und seiner körperlichen Fitness. Das ist zwar unmöglich, weil beides mindestens zwanzig Jahre zurückliegt, doch der Film vermittelt genau diesen Eindruck. Man sieht einen Künstler, der über die Bühne wirbelt wie ein Mann von Mitte zwanzig; einen Musiker, der perfektionistisch an kleinsten Tonfolgen bastelt; einen Menschen, dessen Ausstrahlung immer noch elektrisiert.

Die Stimme ist klar und kräftig, auch wenn sie mitunter ungewohnt zittert. Aber nicht mal bei Live-Konzerten vermag man ja zwischen Playback und echtem Gesang zu trennen. Selbst wenn akustisch also nachgeholfen wurde: Die tänzerischen Darbietungen sind derart energiegeladen, dass man Jacksons lebensmüde Ankündigung, mit fünfzig wolle er nicht immer noch den „Moonwalk“ machen, kaum glauben kann. Eine weitere große Stärke des Films – neben dem Hauptdarsteller natürlich – ist ausgerechnet jener Aspekt, der doch eigentlich das größte Manko sein müsste. „This Is It“ war ja in dieser Form nie geplant. Einen Film hätte es zwar ganz sicher gegeben, aber doch keine Dokumentation eines „Work in Progress“.

Ortega, berühmt geworden als Choreograf von „Dirty Dancing“ und schwerreich als Regisseur der diversen „High School Musicals“, sollte die Proben für Jacksons Privatarchiv dokumentieren. Während der Schnitt beim klassischen Konzertfilm auf die Musik abgestimmt und entsprechend rasant ist, dominieren hier die langen Einstellungen. Auf diese Weise kann man den Künstler in aller Ruhe bei der Arbeit beobachten. Manchmal wechseln die Perspektiven und mit ihnen die Kostüme, aber es gibt keinerlei irrwitzige Fahrten einer wie schwerelos über die Bühne und durch die Halle sausenden Kamera.

Aber es gibt natürlich auch kein Publikum. Deswegen ist der Film zwar bewegend, aber er muss ohne jene Gänsehautmomente auskommen, die sich bei guten Konzertfilmen immer ergeben. In der leeren Arena verlieren sich allein direkt vor der Bühne all jene, die gerade nicht gebraucht werden, die Tänzer und die Techniker, die zwischen den zwölf Liedern gelegentlich auch selbst zu Wort kommen und sich mit dem erwartbaren Pathos über Jackson äußern. Andererseits tragen sie gemeinsam mit den Musikern dazu bei, dass der Film so ein großartiges Dokument geworden ist. Ein musikalisches Denkmal, aber kein hemmungsloser Personenkult, und deshalb ein Werk, das allen gerecht wird: Michael Jackson, seiner Musik und seinen Fans.

Die Bescheidenheit des Stars

•Oktober 30, 2009 • Kommentar schreiben

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aus Neue Zürcher Zeitung, 30. 10. 2009

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Der Film «This Is It» zeigt Michael Jackson bei der Probenarbeit

Von Markus Ganz

Natürlich geht es auch um Geld, um viel Geld. Michael Jackson hätte im vergangenen Juli erstmals seit 12 Jahren wieder eine Reihe von Konzerten geben sollen. Dann starb er kurz davor am 25. Juni im Alter von fünfzig Jahren an einer Überdosis Beruhigungsmittel. So wurde Kenny Ortega, der die Comeback-Show einstudiert hatte, unversehens zum Regisseur eines Filmdokuments: «This Is It». Es basiert auf Videomaterial von den dreimonatigen Probearbeiten (April bis Juni 2009); die Bilder wurden ergänzt durch Statements verschiedener Involvierter. Der Konzern Sony, der die Musik von Michael Jackson und nun auch das Doppelalbum zum Film veröffentlicht, soll die Rechte der Filmaufnahmen für nicht weniger als 60 Millionen Dollar erworben haben.

In der Nacht auf letzten Mittwoch hatte der Film weltweit synchron Premiere, in der Schweiz standen die Zeiger auf 3.30 Uhr, als das Filmereignis begann. Im Zürcher Kino Abaton sangen 750 Fans nun viele Songs spontan mit. Und immer wieder applaudierten sie wie an einem Konzert. «This Is It» wird nun zwei Wochen in den Kinos zu sehen sein. Später soll er auf DVD herauskommen.

Keine plumpe Heroisierung

Im Voraus monierten Fans und Kritiker wiederholt, mit «This Is It» beginne der pietätlose Ausverkauf der Marke «Michael Jackson»; es handle sich um ein hastig zusammengeschnittenes Machwerk. Doch Kenny Ortega zeigt wider Erwarten nicht einfach die abgehobene Seite des Stars, des «King of Pop». Er hat auch nicht einfach nur jene Heroisierung fortgesetzt, die Michael Jackson selbst förderte – etwa 1995, als er im Rahmen der Promotion seines Albums «History» allenthalben zehn Meter hohe, vier Tonnen schwere Monumental-Jackos aufstellen liess. Kenny Ortega stellt in «This Is It» den Menschen und Künstler Michael Jackson in den Mittelpunkt.

Dieser Pop-Musiker wirkt bei den Proben nun meist scheu und verletzlich, man sieht einen höchst bescheidenen Menschen. Wenn er in einem Stück eine Änderung wünscht, bittet er seine stets devoten Mitarbeiter mit leiser Stimme darum, entschuldigt sich manchmal sogar dafür und bedankt sich zuletzt übermässig. Solche Szenen sind auch insofern aufschlussreich, als Jackson hier als Künstler gezeigt wird, der stets genau wusste, was er wollte. Eindrücklich etwa, wie er erklärt, welche rhythmischen Finessen einen Song charakterisieren.

«This Is It» beweist auch, dass Michael Jackson vor seinem Tod kein völliges Wrack war, wie immer wieder behauptet wurde. Er sieht zwar mager und fragil aus, wirkt aber sowohl singend wie tanzend meist präsent, es gelingen ihm in der Interpretation seiner Musik immer wieder hinreissende Passagen, in denen auch sein Charisma zum Leuchten kommt. Seine Konzerte hätten also durchaus zu begeisternden Shows in der Londoner O2-Arena werden können. Fraglich ist allerdings, ob er die Kraft für den Marathon der fünfzig geplanten Auftritte gehabt hätte – zumal sein Gesang stellenweise sehr dünn klingt. Er müsse die Stimme schonen, erklärt Michael Jackson einmal selber.

Interessanterweise sieht man Jackson im Film kaum je schwitzen. Man kann wohl davon ausgehen, dass bei der Montage des Materials sehr selektiv vorgegangen wurde. Und offensichtlich wurde bei der Musik zuweilen auf Material aus der Konserve zurückgegriffen (was allerdings bei Konzerten dieser Grössenordnung nicht unüblich ist). Die für die geplante Konzertreihe zusammengestellte Band interpretiert die Songs weitgehend originalgetreu, aber deutlich lebendiger, zuweilen packend und frisch wie an einer Jam-Session. Dies nimmt einigen Stücken jene kalte Perfektion, die ihnen auf Tonträgern anhaftet.

Kaum neue Songs

Reizvoll ist auch, wie Kenny Ortega mehrmals von Ausschnitten früher Proben zu fertig einstudierten Song-Versionen überblendet. Im Film sind mehrheitlich ältere Songs zu hören – abgesehen von der neuen Single «This Is It», die allerdings auch bereits 1983 geschrieben worden sein soll. Nicht zum Zug kommen Stücke eines neuen, noch unveröffentlichten Albums, an dem Michael Jackson seit Jahren arbeitete. Man darf indes sicher sein, dass auch dieses Material auf den Markt kommen wird – flankiert von weiteren Musicals, Shows, Remix-Versionen, CD-Boxen. – Die Recycling-Industrie rund um die Beatles lässt grüssen.

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30. Oktober 2009, 08:23, NZZ Online

Michael Jacksons «This Is It» spielt Millionen ein

Michael Jacksons Film-Vermächtnis «This Is It» hat bereits am Premierentag weltweit 20,1 Millionen Dollar in die Kinokassen gespült. Der Film mit den Proben Jacksons für seine geplanten Comeback-Konzerte feierte in vielen Kinos weltweit Premiere.

(sda/dpa/ap/apa/afp) Der neue Michael-Jackson-Film «This Is It» hat am ersten Tag weltweit 20,1 Mio. Dollar eingespielt. Davon entfielen 7,4 Mio. Dollar auf die USA und Kanada, alle übrigen Länder trugen mit 12,7 Mio. Dollar zum Ergebnis bei, berichtete das amerikanische Fachblatt «Variety».

Ausserhalb von Amerika startete der Film besonders gut in Grossbritannien (1,9 Millionen Dollar), gefolgt von Frankreich (1,4), Japan (1,2) und Deutschland (1,1).

.Die 7,4 Millionen in den USA und Kanada sind nach dem Bericht das beste Ergebnis, das je ein Film beim Start an einem Mittwoch im Oktober eingefahren hat. In dem Betrag sind allerdings auch schon die Einnahmen von den Premieren am Dienstag enthalten.

Ein glücklicher Mensch

•Oktober 29, 2009 • Kommentar schreiben

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Der Stern, das Intelligenzblatt aus Hamburg, fand This Is It überhaupt nicht so „authentisch“ wie die Kollegen von der Süddeutschen. Aber zu einem richtigen Verriss konnten sie sich doch auch nicht entschließen. Immerhin hat der Film ihnen eine überraschende Einsicht beschert:

„…Doch er wird langsam warm, und dann kommt auch noch der Moonwalk. Das ist der Augenblick, in dem die berüchtigte Magie einsetzt. Die war sogar im Kino am Potsdamer Platz in Berlin zu spüren und brachte eine kleine Offenbarung mit sich: Jackson scheint Synästhetiker gewesen zu sein, ein Mensch, bei dem sich die Sinnesebenen vermischen. Wenn Jackson Musik hört, bewegt er sich. Er fühlt Musik im wahrsten Sinne des Wortes. Töne sind für den Mann, der nur 50 Jahre alt wurde, besetzt mit Bewegungsabläufen, und nur wenn beides im Einklang ist, bricht aus dem schüchtern lächelnden, hinter Sonnenbrillengläsern versteckten Gesicht ein Lachen. Das war für manche Menschen im Publikum geradezu ein Schock: Wir müssen uns Michael Jackson als glücklichen Menschen vorstellen – solange er auf der Bühne stehen durfte.“

Na, wenn sogar die Rezensenten eines Intelligenzblatts einen Erkenntnisgewinn über das Wesen des Künstlers davontragen, dann muss der Film ja zu was taugen.



Was für ein Mann, was für ein Leben.

•Oktober 29, 2009 • Kommentar schreiben

aus: Süddeutsche Zeitung, 29. 10. 2009


Von Jens-Christian Rabe

Was für ein Mann. Was für ein Leben. Man hätte Michael Jackson einen besseren posthumen Film gewünscht – ein wahrerer als „This Is It“ ist kaum vorstellbar.

Michael Jackson, KinoComeback des Jahres: Michael Jackson in einer Szene aus „This is it“.

Ein beispielloses Dokument der Stärke sollte man erwarten. Flink und kraftstrotzend wie eh und je, so Show-und Filmregisseur Kenny Ortega, habe er den Meister schließlich bis zur Nacht vor seinem Tod erlebt: „Er war dünn, das stimmt. Gelegentlich auch etwas müde. Aber im Grunde sahen wir einen starken, glücklichen und entschlossenen Michael. Er wollte die Show mehr als alles andere und war in jedes Detail involviert. Er war enorm präsent und engagiert. Das ist die Wahrheit. Wirklich.“ Und von Jacksons Konzertmanager Randy Philips wurde im Vorfeld sogar das Wort überliefert, dass man Jackson in „This Is It“ bei der Verfertigung seines letzten Meisterwerks erleben könne: „Es ist, als ob man Michelangelo dabei zusieht, wie er die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalt.“ Klar. Darunter würde diese Sache nicht zu machen sein. Da konnte man sicher sein.

Dagegen stehen natürlich der traurige Tod des Popstars Ende Juni in L.A. an einer Überdosis des Betäubungsmittels Propofol, mitten in der Zeit der Proben für das Londoner Comeback, und hartnäckige Gerüchte über den wahren Gesundheitszustand des 50-Jährigen in seinen letzten Monaten und Jahren. Medikamentenabhängig, bis auf kaum 50 Kilo abgemagert und vollkommen erschöpft sei er gewesen, hieß es immer wieder – jeder habe sehen können, dass ein Mann in diesem Zustand unmöglich die geplanten fünfzig Konzerte durchstehen würde. Sein offizieller Biograph Ian Halperin prophezeite Anfang des Jahres sogar, dass Jackson innerhalb von sechs Monaten sterben werde, wenn man sich nicht ernsthaft um ihn kümmere.

Das tat offensichtlich niemand und Halperin behielt tragischerweise recht. Und so gilt es hier nun nicht von einem gigantischen, wochenlangen Comeback des berühmtesten Popstars der Welt zu berichten, sondern von dem, was davon übriggeblieben ist: ein knapp zweistündiger Kinofilm, von vier Cuttern zusammengeschnitten aus gut 120 Stunden Filmmaterial, das während der Proben der Show im Staples Center in Los Angeles aufgenommen wurde.

Sony und AEG, der Veranstalter der Londoner Shows, sorgten gemeinsam dafür, dass „This Is It“ weltweit in 15 000 Kinos gezeigt wird (die New York Times berichtet sogar von 18 000), unter anderem in 2400 chinesischen und knapp 1000 deutschen. Die ersten Vorstellungen hierzulande begannen am Mittwoch um sechs Uhr morgens. Dass sich die Sache finanziell lohnt, scheint deshalb so gut wie ausgemacht. Sony rechnet angeblich damit, dass der Film schon in den ersten Tagen rund 250 Millionen Dollar einspielen wird.

Wie der Film allerdings auf Ruf und Nachruhm des Entertainers wirken wird, dürfte eine andere Geschichte sein. Denn was zu sehen ist, ist zwar kohärent komponiert, im Grunde jedoch nichts Halbes und nichts Ganzes, also weder ein richtiger, spektakulärer Konzertfilm, noch eine echte, aufschlussreiche Dokumentation der Arbeitsweise Jacksons und der Entstehung einer millionenschweren Pop-Show an den Grenzen dessen, was in diesem Genre heute technisch möglich ist. Das macht den Film aber nur interessanter, sobald es um die Deutung des Antriebs dieser im Grunde übermenschlichen Figur geht. Zur laufenden Produktion der Interpretationsindustrie dieses Lebens ist er zweifellos ein gewichtiger Beitrag.

Wenn, wie in der wichtigsten amerikanischen Filmzeitschrift Variety, jetzt allerdings die Rede davon ist, dass „This Is It“ im Grunde doch ein seltsam indiskreter Film sei, weil er Dinge zeige, von denen Jackson selbst nie gewollt hätte, dass sie eine große Öffentlichkeit zu Gesicht bekommt – dann ist das mindestens eine erstaunliche Sichtweise. Denn letztlich ist der Film Dokument eines Perfektionismus, der offenbar keines Probierens mehr bedarf.

Selbst in den viel zu raren Szenen, in denen nicht nur längst Vollendetes aufgeführt wird, also extrem dynamische Choreographien, aufwendig vorproduzierte Einspielfilme oder äußerst tight musizierte Arrangements seiner großen Hits, selbst in den seltenen und kurzen Szenen also, in denen man ihn mit den Musikern sprechen oder Tänzer anleiten sieht, hat man nie den Eindruck, es passiere etwas anderes als die reibungslose Umsetzung der Visionen des Meisters. Zähe Korrekturen oder nervenaufreibende Pannen und Wiederholungen finden nicht statt.

Und auch wenn man vermuten mag, dass es nicht im Sinne der Vermarkter gewesen sein dürfte, Derartiges zu zeigen, so darf auch davon ausgegangen werden, dass es solche Szenen kaum gab. Als Jackson etwa mit dem Keyboarder und musikalischen Leiter Michael Bearden einmal über einen kaum bemerkbaren Tempowechsel in „The Way You Make Me Feel“ spricht, wird deutlich, worum es geht. Auf Beardens Einwurf, er könne nicht immer ahnen, wie jeder Song klingen solle, antwortet Jackson blitzschnell schlicht: „I want it like I wrote it.“ Er will es genau so, wie es auf der CD zu hören ist.

So schwach er also gewesen sein mag – er wusste, was er wollte: Die Leute sollten bekommen, was sie verlangten. Dafür war er offenbar bereit, jede Schmerzgrenze zu überschreiten. Seine beeindruckende Tanz-Performance zu „Billie Jean“, während der er fast alterslos erscheint, ist ein unwirklich erscheinender Beweis von Selbstbeherrschung.

Und so sind Michael Jackson wahrscheinlich nicht zuerst der körperliche Verschleiß und seine irre Medikation in die Quere gekommen, die wahrscheinlich auch ein weit größeres Tier zur Strecke gebracht hätte, sondern sein Kunstbegriff. Es ist einer, der extrem modern erscheint, ganz und gar gegenwärtig, weil er auf Perfektion und Höchstleistung fußt, aber natürlich viel älter ist.

Der englische Maler Edward Burne-Jones etwa, von dessen Werk in der Staatsgalerie Stuttgart derzeit eine umfassende Retrospektive zu sehen ist, war überzeugt davon, dass man Gesichtern „ihren typischen Charakter“ nehme und sie zu Porträts abwerte, „die für nichts mehr stehen“, wenn man ihnen das verleihe, was „die Leute ,Ausdruck‘ nennen“. Seine Bilder zeigen jugendlich androgyne, blasse Gesichter mit leicht eingesogenen Wangen, langen schmalen Nasen, Knospenmündern und spitzen Kinnpartien. Wer hätte da nicht sofort auch Jacksons Antlitz vor Augen? Für darstellungswürdig hielt Burne-Jones dementsprechend allein den Träumen Geliehenes: Mythen, Legenden, Sagen und Märchen. Ebenso hielt es der King of Pop.

Nur dass er eben nicht nur der virtuose Maler sein wollte, sondern auch noch das sagenhafte Bild. Das sagenhaft bewegte Bild. Was für ein Mann. Was für ein Leben. Man hätte beiden einen besseren abschließenden Film gewünscht – ein wahrerer als „This Is It“ ist kaum vorstellbar.

Die Legende lebt: «Michael Jackson: This Is It»

•Oktober 28, 2009 • Kommentar schreiben

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aus Zeit.online

Peking/Hamburg (dpa) – Der «King of Pop» lebt. Mit der Dokumentation «This Is It» hat Michael Jacksons langjähriger Weggefährte und Freund Kenny Ortega ein filmisches Denkmal geschaffen.

Das knapp zweistündige Porträt mit Aufnahmen aus Jacksons letzten Wochen vor seinem Tod am 25. Juni zeigt einen einzigartigen, begnadeten Künstler, der hart an seinem Comeback arbeitete. Es sind Mitschnitte von den Proben zu der geplanten Konzertserie in London, die zu einem großartigen Musikfilm montiert wurden. Das Werk ist Jacksons Kindern gewidmet.

In 18 000 Kinos weltweit wird der Film seit Mittwoch gezeigt – nur zwei Wochen lang. Er beginnt mit Tränen über den plötzlichen Tod von «MJ» im Alter von 50 Jahren, katapultiert den Zuschauer dann aber sofort in das lebendige, musikalische Werk der Superstars.

Allein seine leise, kraftlose Stimme bei den Besprechungen zu den Proben scheint den Hauch einer verlorenen Seele erkennen zu lassen. Doch im Gesang und Tanz demonstriert der Künstler alte Stärke. Dass vor allem die Musik so kraftvoll herüberkommt, ist ein tontechnisches Meisterwerk.

Mit seinen akribischen Vorbereitungen für die ersten Auftritte nach einer Tourneepause, die zwölf Jahre gedauert hatte, widerspricht der Film auch den Spekulationen um den körperlichen und geistigen Zustand des Stars vor seinem Tod. Allerdings sieht man in einigen Szenen mysteriöse Pflaster um seine Fingerkuppen. Und auch die Londoner Pressekonferenz, bei der Jackson im März auf viele verstörend wirkte, wurde beschönigend zusammengeschnitten.

Die Botschaft des Films lautet, dass mit Jackson ein Künstler aus einer kreativen Schaffensphase gerissen wurde. Der legendäre Sänger wirkt zwar angestrengt, geht aber so in der Musik und seinen Bewegungen auf, dass er die kleine Schar Mitwirkender etwa bei «Billie Jean» immer wieder mitreißt. Einige Male sagt Jackson, dass er seine Stimme schonen wolle, doch immer wieder gibt er alles.

Wer Aufschluss über das skandalumwitterte Privatleben von Michael Jackson erwartet, wird enttäuscht. «This Is It» bleibt bis zum Ende eine reine Hommage. Der Film ist ein spannendes Musikvideo. Es gibt ausschließlich Aufnahmen von den Proben und dem Team. Wer Jacksons Musik mag, wird immer wieder mitwippen und mitsingen.

Es ist gut zu erkennen, wie die geplanten Londoner Auftritte aussehen sollten. «This Is It» wäre eine einzigartige Popshow geworden, mit viel Pomp und Pyrotechnik.

Die Hits «Thriller» und «Earth Song» wollte Jackson mit eindrucksvollen Hintergrundfilmen unterlegen, die aufwendig neu gedreht wurden. So spaziert er beim Song «Smooth Criminal» in einen Film mit Hollywood-Ikone Humphrey Bogart. Auch seine Geschwister, mit denen er einst als Jackson Five auftrat, erscheinen bei «I’ll Be There» in alten Filmschnipseln. Ihnen macht Michael Jackson eine Liebeserklärung.

Selbst ein Schaufellader sollte auf die Bühne rollen, um die Zerstörung des Regenwaldes zu demonstrieren. «Es ist ein kreatives Abenteuer», sagt Jackson. Er habe seine «Familie gefunden in den Mittänzern und Helfern. Er wollte mit seinen Londoner Auftritten die Welt daran erinnern, «dass Liebe wichtig ist». Man habe eine «wichtige Botschaft».

Dass mit dem Film auch nach dem Tod von Michael Jackson die Vermarktung weitergeht, dürfte niemanden überraschen. Der Sony- Konzern, der 60 Millionen US-Dollar (40 Millionen Euro) für die Rechte an den Aufnahmen bezahlt hat, hofft auf Einnahmen von 250 Millionen US-Dollar allein in den ersten fünf Tagen.

An einer Stelle sagt Jackson, die Menschheit habe nur noch wenige Jahre, um den Planeten zu retten. Dass ihm selbst nur noch ein paar Tage blieben, ahnte er in diesem Moment nicht. Der Zuschauer indes weiß: «This Is It» – das war’s.
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Nota. Es gibt immer noch Leute auf der Welt, denen Heftpflaster auf Mr. Jacksons Fingerkuppen rätselhaft vorkommen. Das berührt. Aber damit dürfte This Is It wohl leider Schluss machen.